Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 9 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537802-3537810--7300-3545341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
so daß dieser Weg, wenn überhaupt, auf jeden Fall erst nach Jahren Früchte tragen kann. Doch die Zeit drängt, wir brauchen jetzt einen Waffenstillstand, um diese Verständigungsarbeit auf lange Sicht leisten zu können. Um es nochmals zu sagen: wenn wir der Ueberzeugung sind, dafr die heute führenden Araber mit den Juden ohne Eingreifen Dritter nicht verhandeln werden, und wir uns ferner auf den Standpunkt stellen, daß die Balfour- Deklaration erhalten bleiben muß, so gibt es leider nur einen Ausweg: die aktive Vermittlung Englands und des Völkerbundes. Nur wenn diese Machtfaktoren den Arabern unzweideutig zu verstehen geben, daß sie nur dann mit der Erfüllung ihrer politischen Wünsche (Parlamentsfrage, Selbstverwaltung) rechnen können, wenn sie die von den Juden ihnenentgegengestreckte Hand ergreifen und sich auf mittlerer Linie mit ihnen einigen, nur dann besteht Hoffnung, daß Juden und Araber bald zu einer tragbaren Verständigung gelangen, und auf welcher Grundlage könnte sie beruhen? Nach meiner Auffassung der Machtverhältnisse werden die Juden allerdings politische Konzessionen an die Araber machen müssen, d. h. wir täten gut daran, ein für allemal auf den völlig utopischen reinen Judenstaatsgedanken alter HerzP scher Prägung, der, seien wir ehrlich, trotz gegenteiliger Kongreßresolutionen immer noch in vielen Köpfen spukt, in vertraglicher Form zu verzichten und uns auch in der Praxis mit der Forderung eines Zweinationalitätenstaates nach Schweizer Muster zu begnügen, in dem es weder herrschende noch beherrschte Nationen geben soll. Auf die Einwanderungsfrage übertragen heißt das, daß die Juden mit den Arabern sich dahin einigen, die Einwanderung nur solange fortzusetzen, bis sie eine gewisse Prozentzahl der Landesbevölkerung, sagen wir 45 %, erreicht haben (was bei der heute noch vorhandenen Ueberlegenheit der Juden auf manchen Gebieten praktisch mindestens Gleichstellung mit den Arabern bedeuten würde). Wer diese Vorschläge für jüdischerseits unannehmbar hält, zeigt damit bloß, daß er den Ernst der heutigen Situation nicht versteht; hingegen ist es leider außerordentlich fraglich, ob die Araber auch einem solchen gemäßigten Vorschlag zustimmen würden. Die bisherige Haltung der englischen Regierung und der Palästina- Administration ist von der oben geforderten aktiven Vermittlungstätigkeit himmelweit entfernt; wenn es wahr ist, daß Luke in einem Interview gesagt haben soll, „die Regierung befleißige sich möglichster Neutralität in dem Kampf zwischen Juden und Arabern", so ist dies ein neuer Beweis für die völlige Verkennung ihrer Aufgabe. Allzu lange schon hat sie sich „völliger Neutralität" befleißigt, die man besser Passivität nennen könnte; man denke daran, daß England trotz der Aufforderung der Mandatskommission des Völkerbundes in der Klagemauerangelegenheit nicht aktiv eingriff, man denke daran, wie schwächlich sich die Regierung in den» ersten Tagen des Aufstandes gegenüber dem Mufti benahm, der sieh weigerte, mit dem Gouverneur von Jerusalem zusammen die erregten Massen zu beruhigen, man denke an ihre passive Haltung in der Boykottfrage, den sie ja ganz einfach auf dem Verordnungswege hätte verbieten können (was jetzt nach Niederschrift dieser Zeilen endlich geschehen} ist),; und es wird einem klar, daß wir nur dann zu hoffen habe», wenn: wir einen völligen Umschwung der englischen Politik in dieser -Hinsicht