Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 9 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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fortigen und radikalen Bruch mit dem System der Geheimdiplomatie und ausreichende Informierung zum mindesten eines engeren Kreises (Vertrauensleute) über die wirkliche Lage, die unternommenen und noch zu unternehmenden Schritte. Nur aus dieser völligen Unkenntnis der wirklichen Lage kommt die falsche Einschätzung der Situation, die man bei so vielen findet, die auch heute noch nicht merken, wie ernst die politische Situation andauernd ist, und daß nicht mehr und nicht weniger als die Existenz des Zionismus auf dem Spiele steht, ja daß sogar die Gefahr für Leben und Gut der Juden in Palästina noch nicht endgültig beseitigt ist. Darum gilt es, alle, die wie das K. J. V. von jeher politisches Verantwortungsgefühl für sich in Anspruch nehmen, aufzurütteln, zum Nachdenken über die Probleme und zu höchster Aktivität zu bringen. „Wenn nicht heute, wann dann?" In diesem Sinne möchte ich zu unseren zentralen Problemen Stellung nehmen. An erster Stelle unserer Betrachtung muß naturlich die Araberfrage stehen: rückschauende Betrachtungen in dieser Hinsicht erscheinen heute müßig; unsere Unterlassungssünden und -fehler auf diesem Gebiet liegen so klar zutage, daß wir sie nicht noch einmal ausführlich darstellen brauchen. „Der Zionismus war im Aufschwung seiner wirtschaftlichen Entwicklung in kurzsichtigem Egoismus rein mit seinen Fragen beschäftigt, man dachte gar nicht mehr an die Araber, da man sie nicht brauchte: Geld kam aus Amerika, militärischer Schutz und Sicherheit durch die englische Regierung." (Aus einer Denkschrift eines deutschen Zionisten über die Lage.) Die Araber fühlten sich von den Juden als „quantite negligeable" betrachtet, wie mein Bruder erst vor wenigen Tagen aus dem Munde eines in Deutschland sich aufhaltenden Angehörigen einer der führenden arabischen Familien Palästinas hören mußte; und diese Geringachtung erbitterte die Araber mehr als wir ahnten. Die Verständigung mit den Arabern wird heute von allen Seiten als notwendig gefordert; diese Forderung ist selbstverständlich, denn sie ist identisch mit der nackten Existenz. Aber ich habe bisher nur wenig Andeutungen darüber gefunden, auf welcher Basis diese Verständigung erfolgen soll. Man gebe sich keinen frommen Täuschungen hin, daß die Araber heute ohne weiteres zu Verhandlungen bereit seien. Es zeigt sich 'heute mit voller Deutlichkeit, daß wir einen noch nicht beendeten regulären nationalen Aufstand mit dem Ziel der Beseitigung der Balfour-Deklaration, & h. der Vernichtung des politischen Zionismus, vor uns haben. Ist man so naiv zu glauben, daß die Araber sich heute noch durch jüdische Proklamationen, die an ihr Gerechtigkeitsgefühl appellieren und unseren Willen zur Verständigung betonen, irgendwie beeinflussen lassen? Sie werden sie auch weiterhin als ein Zeichen der Schwäche auffassen, wie sie es auch den früheren Kundgebungen des Brith Schalom gegenüber getan haben; und bis zu einem gewissen Grade mit Recht, denn die Juden sind allerdings zu schwach, um heute schon ohne Hilfe von dritter Seite mit den Arabern zu einer Verständigung zu gelangen; es sei denn, sie würden auf die Balfour-Deklarätion verzichten, was nach meiner Auffassung dem politischen Selbstmord gleichkäme. Natürlich wäre es sympathischer, auf direktem Wege zu einer Verständigung mit den Arabern zu kommen, aber das erfordert auch im besten Falle eine jahrelange Aufklärungsarbeit unter den Arabern, in der wir das Versäumte nachzuholen haben, 6