Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 9 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Am Scheidewege. Von Ernst Lewy (V.J. St Ivria, Freiburg, A. H.) Die folgenden Ausführungen sind in manchen Punkten radikal und getragen von einer inneren Empörung über die geistige Enge und Tatenlosigkeit breiter zionistischer Massen, vielleicht auch mancher- Männer, die jetzt führen sollten, sich aber nicht zu wahrer Führung aufzuraffen vermögen. Wenn man in diesen Tagen mit Zionisten über die notwendige Stellungnahme jedes Einzelnen zu den brennenden politischen Problemen, die im Zusammenhang mit der Araberfrage und unserer Stellung zu England stehen, spricht, begegnet man sehr oft entweder dem Hinweis*, das sei nicht unsere Sache, bzw. wir könnten es mangels genauerer Kenntnis der politischen Tatsache nicht beurteilen („Weizmann wird es schon - machen!") oder man hat gar die Empfindung, die Betreffenden halten ihre eigene Passivität für politische Weisheit und Selbstbeschränkung, die Leidenschaft der nach einem Ausweg Suchenden aber für nicht ganz ernst zu nehmende jugendliche Heißblütigkeit oder Dilettantismus. Vielleicht wäre ihre Auffassung richtig, wenn wir eine politisch so überragende und in jedem Moment der Situation so gewachsene Führung hätten, wie sie der Augenblick erforderte, aber leider müssen wir, bei allem Respekt vor Weizmanns Leistung, sagen, daß auch er nur ein Mensch ist und dringendst der Ergänzung seiner politischen Richtschnur durch! Meinungsäußerung gut informierter und verantwortungsfreudiger Zionisten bedarf. Warum hat der diese Tage denkend miterlebende Zionist ein gewisses Gefühl der Führerlosigkeit bzw. der Unterlassung wichtiger Maßnahmen? Weil wir nicht wissen^ was die Leitung an einzelnen Maßnahmen tut, weil wir nicht wissen, ob in diesem Moment ein Kreis der bedeutendsten zionistischen Führer in engem persönlichen Kontakt. mit Weizmann alle erforderlichen Schritte unternimmt, weil, wie Felix Danziger in seinem ausgezeichneten Aufsatz „Verhängnisvolle Politik" in Nr. 78/79 der „Jüdischen Rundschau" so richtig sagte, bei uns das längst überlebt geglaubte System der Geheimdiplomatie noch in voller Blüte steht. Ich weiß genau, aus welchen Gründen man bei der Oppositionssucht des jüdischen Volkes zu diesem System gekommen ist, weil nämlich die verantwortlich Handelnden, die sowieso sich stets in äußerst schwieriger Situation befanden, nicht in jedem unternommenen Schritt, durch maßlose Kritik gehemmt werden wollten; und dennoch hat sich dies System als verhängnisvoll erwiesen, weil es die Durchschnittszionisten vollkommen des selbständigen politischen Denkens entwöhnt hat, und, vielleicht ganz unnötigerweise, Zweifel über die Aktivität der Leitung hervorruft auch dann, wenn alles Erdenkbare geschehen ist; ganz einfach deshalb, weil es die Exekutive unterläßt, über ihre Ansichten und Maßnahmen irgend etwas zu verlautbaren, weil niemand weiß, was eigentlich geschieht; man komme nicht mit dem Einwand, Idaß nicht alle Geheimnisse der höheren Politik in gewissen Stadien der Oeffentlichkeit mitgeteilt werden können; zugegeben, aber das sind nur relativ wenige Dinge, und wir erfahren einfach nichts! Auch über die augenblickliche Berichterstattung der „Jüdischen Rundschau" wäre manches in dieser Hinsicht zu sagen; uns interessieren nicht die beruhigenden, sondern die „bedenklichen" Nachrichten! Wir fordern soä