Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 8 (Oktober 1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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demokratischen Grundsätze glaubten, oder sind diese großen Familien gegen die Politik des Groß-Muftis, weil eine Zurücknahme der Balfour-Deklaration einen starken Rückgang der Bodenpreise bedeuten würde? Sechstens: glaubt die Handwerker- und Fellachenbevölkerung heute noch an die Absicht der Juden, die Klagemauer zu annektieren, oder merkt sie, daß sich hinter dieser Parole andere Absichten verbergen? Siebentens: sind die Beduinen aus Transjordanien ungerufen gekommen, oder wer hat sie gerufen? Auf alle diese Fragen gibt es heute, wie gesagt, noch keine präzise Antwort. Möglich ist, daß es in London neben dem Coloniai Office eine Art von unverantwortlicher N'ebenregierung gibt, die die von Labour in Aegypten und im Irak betriebene Versöhnungspolitik dadurch zu durchkreuzen sucht, daß sie die Stellung Ibn Sauds in Innerarabien und der Juden in Palästina schwächt, um die macht- und rechtspolitischen Voraussetzungen für die Wiederaufnahme der Idee eines Middle Eastern Empire gegen die Regierung zu schaffen. Es ist denkbar, daß es so ist — aber wir wissen es nicht. Ist aber in London und in Jerusalem eine solche selbständig vorgehende Kamarilla am Werke, so können wir uns nur dadurch zur Wehr setzen, daß wir die Welt widerhallen lassen von unserer lauten Forderung nach Erfüllung der Balfour-Deklaration, ohne jemals glauben zu dürfen, daß nun des Rufens in der Welt genug sei. Was aber unser Verhältnis zu den Arabern anbelangt, so müssen wir uns stets vor Augen halten, daß es eine geschlossene arabische und eine geschlossene muselmanische Welt als politische Einheit und Realität nicht gibt und auch für viele Jahre nicht geben wird. Zwischen den wahabitischen Beduinen des Nedschd und den sunnitischen Fellachen Palästinas besteht trotz gemeinsamer Abstammung und gemeinsamen Glaubens ein viel schärferer Gegensatz als zwischen den palästinensischen Fellachen und dem jüdischen Siedler. Es ist ein tatsächlicher und psychologischer Fehler, wenn man auf Grund ungenügender Kenntnisse und voreiliger Verallgemeinerungen die Lage in Palästina so darstellt, als ob wir es mit den Arabern und den Mohammedanern schlechthin /u tun hätten. Wir haben es vielmehr mit palästinensischen Fellachen und Handwerkern und daneben mit einigen großen, macht gierigen, aufeinander eifersüchtigen Familien zu tun. Daß wir mit diesen palästinensischen Arabern im Rahmen der Balfour- Deklaration friedlich und verständig zusammen leben wollen, darüber sind sich alle Zionisten einig. Aber damit hört auch die Einigkeit auf. Entweder man glaubt, daß hinter den palästinensischen Arabern eine geschlossene arabische und mohammedanische Welt steht: dann bleibt uns in der Tat nichts anderes übrig, als Verständigungspolitik ä tout prix zu treiben, um wenigstens den Schatten einer nationalen Heimstätte in Palästina zu retten. Oder aber, man glaubt nicht an die panarabische und panislamische Einheitsfront: dann muß man sich auf den Standpunkt steilen, daß für uns und die nationale Heimstätte alles davon abhängt, bei alier Friedensbereitschaft die palästinensischen Araber so lange im Schach zu halten, bis die nationale Heimstätte sich auch einer panarabischen und panislamischen Einheitsfront gegenüber behaupten kann. Wenn schon ge- W