Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 8 (Oktober 1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Schiiten als Ketzer gelten. Dieser Gegensatz klingt für uns „aufgeklärte" Europäer sehr theoretisch — ihn bei der Beurteilung der arabischen Verhältnisse zu vernachlässigen, hat man aber nur dann das Recht, wenn man der Meinung ist, daß bei den islamischen Völkern das religiöse Zeitalter sich seinem Ende zuneige, wie es nach dem Westfälischen Frieden in Europa der Fall war. Die Wahabiten sind nach Lebensweise und Glauben Puritaner, und nichts ist ihnen verhaßter als die Formen der Gottesverehrung in den heiligen Städten der Schiiten und Sunniten. Noch ist ihnen nicht vergessen, wie sie bei ihrem ersten großen Vorstoß in die Länder der „Götzendiener" im Jahre 1801-02 die Heiligtümer in KerbeJa, Mekka und Medina zerstört haben. Bei der jetzigen Eroberung von Mekka und Medina ist nichts zerstört worden, und dieser Akt politischer Klugheit ist ihm von seinen eigenen Wahabiten als Vernachlässigung der Gebote des wahren Glaubens verdacht worden. Aber Ibn Saud konnte wohl nicht anders: er brauchte die Pilgergelder für seinen Staatsschatz, nachdem England 1924 die Subventionszahlungen eingestellt harte. Die Schonung der Heiligtümer und die Duldung der jährlichen Pilgerfahrten hindert ihn aber keineswegs, besonders die Anhänger der schiitischen Lehre in jeder Weise schlecht zu behandeln. Auch hier besteht der religiöse Gegensatz fort, auch wenn er sich nicht in Verfolgungen und Zerstörungen äußert. Das weiß man in der islamischen Welt, und die Hochachtung, die man dem einzigen unabhängigen und starken muselmanischen Herrscher entgegenbringt, mischt sich mit dem Mißtrauen in den „Ketzer4', der sie haßt. Daneben bestehen nun die Gegensätze zwischen Sunniten und Schiiten fort. Wieder weiß der Europäer, der daran geht, mit europäischen Maßstäben den Orient zu beurteilen, nicht, was er von diesem Gegensatze zu halten hat. Denn obgleich es keinen Kalifen als Nachfolger Mohammeds mehr gibt, steht die Frage nach dem rechtmäßigen Kalifen als Wand zwischen Sunniten und Schiiten. Die Trennung rührt noch aus jener Zeit her, als nach dem Tode des Kalifen Alis, des Vetters und Schwiegersohns Mohammeds, das Kalifat auf die Omajaden überging. Damals wurde der zweite Sohn Alis Hussein ermordet und in Kerbela beigesetzt, während sein Vater Ali angeblich in Nedschef begraben liegt. Nedschef und Kerbela sind denn auch die heiligen Wallfahrtsorte der Schiiten. Nun sollte man meinen, daß diese mehr als ein Jahrtausend zurückliegenden Ereignisse an sektenbildender Kraft verloren haben müßten. Wenn man aber weiß, wie grausam und fanatisch noch heute der 10. Muharrern, der Tag der Ermordung Husseins in Kerbela, begangen wird, muß man daran zweifeln, daß in der islamischen Welt das Zeitalter religiösen Eifers und religiöser Eifersucht seinem Ende zugeht. Wir wollen in diesem Zusammenhange nicht von den verhältnismäßig neuen Sekten des Babismus und des Bahaismus, zwei Abzweigungen der Schia, und der Ahmadija-Bewegung sprechen, die vom Sunnismus herkommt. Mögen diese neuen Bewegungen und Sektenbildungen selbst, wie manche europäischen Beobachter meinen, Symptom einer Auflösung des alten I*larn sein, so zeigen sie doch, daß die trennenden Kräfte im Islam noch nicht erloschen sind. 14