Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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mit denen der Außenminister des Zionismus zu rechnen hat. In der Araberpolitik hat die Zionistische Organisation im Prinzip eine gradlinige Politik befolgt, und zwar seitdem die Hitachduth auf dem 12. Kongreß jene bekannte Friedensdeklaration kämpfend durchgesetzt hat. Im einzelnen mag manches zu besprechen sein, grundsätzlich erwarten wir, daß die Zionistische Organisation diese auf Verständigung hinzielende Politik mit immer größerer Energie fortsetzt. Die Frage des Parlaments wird in Palästina von Tag zu Tag aktueller, und hier muß eine Formel gefunden werden, die unter Wahrung der jüdischen Interessen den Ausgleich mit dem arabischen Volkswillen ermöglicht. Die Friedensbereitschaft des Zionismus könnte in ihrer Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit kaum besser unterstrichen werden, als wenn die Initiative in dieser Frage in dem Augenblick von uns ausginge, in dem unsere außenpolitische Front durch verschiedene Umstände, z. B. durch die Labourregierung in England und die Erweiterung der Jewish Agency eine Stärkung erfährt. Wir sollen auch daran denken, daß gerade für eine Arbeiterregierung das heutige autokratische Regime in Palästina eine stärkere Belastung als für jede andere darstellt. Aber auch wir Juden brauchen das Parlament täglich dringender. Die hebräischen und arabischen Blätter vertreten in zahllosen Einzelfragen — sei es die Verschleppung des Hafenbaues oder der Eingriff in die Autonomie der Städte — fast täglich den gleichen Standpunkt. Gerade wrer, wie wir, mit zahlreichen A^aßnahmen der palästinensischen Regierung nicht einverstanden ist, sollte dafür sorgen, daß die jüdische und arabische Bevölkerung Palästinas die Möglichkeit erhalten, in verfassungsmäßiger Weise regulierend in die Verwaltung des Landes einzugreifen. Wir brauchen nicht Resolutionen gegenüber der Regierung, sondern eine autoritative Stelle, die die Interessen der Landesbevölkerung gegenüber der Verwaltung wahrt. Von der täglichen Praxis hängt für die Richtung, in der das Land sich entwickeln wird, mehr ab als von prinzipiellen Deklarationen. Die Erweiterung der Jewish Agency ist heute de facto eine vollendete Tatsache. Es ist sicher, daß die Mehrheit des Kongresses die letzten Beschlüsse des Aktions-Comite ratifizieren wird. Darum lohnt es nicht, ausfuhrlich auf die Diskussion einzugehen, die in dieser Frage in den letzten sechs Jahren dauernd geführt wurde. Politik ist die öffentliche Regelung der tagtäglichen Fragen und Probleme in Volks- und Staatsleben. Sie wird aus der Sphäre des Grundsätzlichen heraus bestimmt, aber sie darf nicht mit Ideologien verwechselt werden, die abseits von den Realitäten der Welt entstanden und nichts macht sie unfruchtbarer als ein blinder Doktrinarismus, der ihr jegliche Elastizität nimmt. Wir haben die Erweiterung der Jewish Agency von dem Augenblick an unterstützt, als wir erkannten, daß unser grundsätzliches Ziel — der Weltkongreß der Judenheit zum Zwecke des PaLästinaaufbaus — nicht auf einmal und nicht sofort erreicht werden kann. Das ist ja gerade die Aufgabe staatsmännischer Kunst, Ideen in einer widerstrebenden Wirklichkeit durchzusetzen. Für uns ist die Erweiterung der Jewish Agency die erste Etappe auf dem Weg zum Weitkongreß. Wir begrüßen auch dieses erste Teilergebnis, weil wir dringender als je den politischen Einfluß und die finanzielle Kraft eines möglichst großen Teils der Judenheit im Sammelbecken der Palästina- 22