Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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volksfremd, sie war aber auch der Erkenntnis der innersten Gesetze unserer Bewegung fremd. Sie hat nicht nur über „seelische Imponderabilien" geirrt, sie hat vielmehr aus allzu großer Nüchternheit, aus Furcht, in irgendeiner Beziehung illusionistisch zu sein, politisch Mögliches für unmöglich und daher auch nicht zu fordern gehalten. Zum Beweise hierfür nehmen wir ein sehr charakteristisches und für die Gesamtbewegung außerordentlich bedeutungsvolles Beispiel: Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in Erez- Israel. Es kann ja keinem Zweifel unterliegen, daß die Beseitigung der Arbeitslosigkeit zu einem erheblichen Teil auf natürlichem Wege erreicht" worden ist: durch Abwanderung. Daß diese Abwanderung nicht nur der zionistischen Bewegung einen Prestigeverlust gebracht, sondern zum Verlust von großen nationalen Kapitalien geführt hat, ist klar. Es sind eine Reihe von Facharbeitern zurückgewandert, die ihre wirkliche Ausbildung erst durch nationale Mittel in Palästina erhalten hatten. Die systematische Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die Erhaltung der nationalen Kraft der Arbeit im Lande, ist die eigentliche Leistung der Arbeiterschaft, die durch gegenseitige Hilfe und Erzwingung der Hilfe der Regierung die furchtbare Gefahr der Arbeitslosigkeit gebannt hat. Dies ist kein zufälliges Ereignis, keine Feststellung eines Verdienstes, das nun durch Abgabe des Stimmzettels für die Arbeiterschaft „dankbar anerkannt" werden soll, sondern es ist ein Hinweis auf die prinzipielle Bedeutung der Arbeiterschaft in der gesamten zionistischen Bewegung. Die Arbeiterschaft ist heute die „herrschende Klasse" in Erez-Israel. Sie ist es bestimmt nicht durch ihre finanzielle Kraft, sie ist es trotz ihrer dienenden und sich anpassenden Haltung1 im Kampf um den Arbeitsplatz in der Kolonie, sie ist es in dem ganz einfachen Sinne, daß in ihre Hand und ihre Verantwortung die unmittelbare Verwirklichung des Zionismus gelegt ist und dort noch liegt. Daher kann diese Arbeiterschaft nie in der Opposition in dem Sinne sein, daß sie anderen die Verantwortung überläßt und deren Fehler zur Quelle eigener Wahlerfolge zu machen sucht. Um das deutlich zu sehen, erinnern wir zunächst nur an die Tatsache, daß die stärkste Vertretung des Jischuw auf dem Zionistenkongreß die Vertretung der palästinensischen Arbeiterschaft ist, daß die bürgerliche Mehrheit des Kongresses eine Mehrheit der G a - luth ist, daß die bürgerliche Vertretung des Jischuw auf dem Kongreß durchaus als die Vertreterin von Privatinteressen im Gegensatz zu den durch die Arbeiterschaft vertretenen nationalen Interessen anzusehen ist und angesehen wird. Die Arbeiterschaft ist aber weiterhin „herrschende Klasse", weil die Form und der Inhalt des nationalen Aufbaus auch heute von ihr bestimmt werden. Soweit der Aufbau national bedeutungsvoll ist, das heißt, soweit er zur Produktivierung jüdischer Menschen führt und nicht zur Ausbeutung unterbezahlter arabischer Kräfte, vollzieht er sich unmittelbar durch die Arbeiterschaft; soweit er auch vom Ideellen her die Aufmerksamkeit und Sympathie der Welt erzwingt, geschieht es durch die spezielle Note, die die Arbeiterschaft dem Aufbauwerk gegeben hat. Nun ist es die schon traditionell gewordene Haltung junger zionistischer Akademiker in Deutschland, diese prinzipielle Bedeutung der Arbeiterschaft anzuerkennen, für sich aber eine unmittelbare Solidarität, auch bei der Wahl zum Kongreß, mit der Arbeiterschaft von einem höheren Standpunkt aus, 20