Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Gefahr ist eine doppelte: Der jüdische Philanthrop kann sich mit einem Minimum an Forderungen begnügen, weil er zwar den Juden in Palästina helfen will, jedoch niemals innerlich von der zionistischen Zielsetzung durchdrungen war. Der nichtzionistische Palästinafreund unterscheidet sich vom Zionisten keineswegs nur dadurch, daß er die „nationale Galuthpolitik" ablehnt. (Das brauchte uns weniger zu stören, als die Väter des „Kopenhagener Manifests*1 zugeben wollen.) In bezug auf Palästina trennt ihn von uns die Zielsetzung. Er will keinen Judenstaat — nicht weil es unpraktisch ist, heute davon zu reden, sondern weil er die territoriale Lösung der Judenfrage im zionistischen Sinne nicht anerkennen kann, ohne die Galuth zu verneinen. Darum ist er vor allem geneigt, sich zu dem falschen Achad Haamismus zu bekennen, der dem englischen Beamten das Leben leicht macht, und auf alle Quantitätsforderungen des Judenstaatlers zu verzichten. Oder aber jener Philanthrop wird infolge seiner amerikanischen oder sonstigen patriotischen Gesinnung ein gewisses Vergnügen dabei empfinden, die englische Verwaltung zu kritisieren, nicht aus dem reinen Verlangen des Zionisten heraus, sondern aus anderen Motiven, die die künftige Agency leicht in einen ernsthaften Konflikt mit der englischen Regierung treiben, oder Spaltungen innerhalb der Agency hervorrufen können. Ich sage nicht, daß diese Gefahren unvermeidlich sind, aber kein denkender Zionist, der die jüdische Welt kennt, kann bestreiten, daß sie bestehen. Schließlich ist immer wieder zu betonen, daß das Fifty-Fifty- Prinzip der Agency ungesund und unhaltbar ist. Man braucht nur an die Konstitution der neuen Agency zu denken, um zu begreifen, daß es sich hier höchstens um einen Uebergangszustand handeln kann. Der Zionistenkongreß hat tatsächlich nichts mehr zu beschließen. Seine Aufgabe ist erschöpft, wenn er seine Vertreter in den Rat der Agency und die Exekutive der Agency entsandt hat. Der Rat der Agency soll aus 200 bis 220 Personen bestehen und unmittelbar nach dem Zionistenkongreß alle zwei Jahre zusammentreten. Das ist eine unmögliche Sache, denn man kann nicht verlangen, daß die zionistischen Delegierten aus aller Welt zusammenkommen, sich wochenlang über alle Fragen des Zionismus aussprechen, Beschlüsse und Resolutionen fassen, und dann mit dem Gefühl auseinandergehen, daß nun erst jener zweite Kongreß, nämlich der Rat der Agency zusammentreten wird, der das ganze Material noch einmal zu beraten und darüber zu beschließen hat. Die Fifty-Fifty-Konstruktion muß eines Tages dazu führen, daß entweder die nichtzionistischen Mitglieder der Jewish Agency sich der Zionistischen Organisation anschließen, oder daß eine neue gemeinsame Palästina-Organisation entsteht. Man muß im Kongreß wie in der Agency mit aller Kraft dafür kämpfen, die Entwicklung nach der einen oder anderen Richtung vorwärts zu treiben. Das Fifty-Fifty- System lähmt beide Teile und läßt keine gemeinsame Verantwortung zu. Der große Grundsatz der zionistischen Demokratie, wie er sich bisher im Kongreß dokumentierte, darf nicht auf die Dauer einem versteckten Notabeinsystem geopfert werden, sonst werden die Zionisten den Sinn ihrer Organisation nicht mehr begreifen und sich als einzelne immer mehr von einem Getriebe entfernen, dessen Mechanismus ihnen fremd ge- 14