Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Gedanken der nationalen Gesamtveranrwortung in einem zionistischen Leben zu bewahren. Man sehe sich die Ergebnisse dieser sogenannten Differenzierung in den meisten europaischen Landern außerhalb I>eutschlands an. Seit Jahren beschäftigen sich zionistische Gruppen kaum noch mit der Eroberung der Judenheit für den Zionismus, sondern fast ausschließlich mit dem Kampf gegeneinander. Man grenzt sich ab so gut es geht, und jede zionistische Gesinnungsnüance versucht, sich auch organisatorisch darzubieten. Gerade in den Landern jüdischer Massensiedlung mit den stärksten jüdischen Voraussetzungen haben die einzelnen zionistischen Fraktionen alles getan, um sich gegenseitig zu diskreditieren. Und unmerklich ist die einheitliche nationale Basis, von der allein aus zionistische Wirkungen zu erzielen sind, schwach geworden. Von der Erörterung der Frage, ob die gegenwärtige Leitung gut oder schlecht ist, kann keine zionistische Wirkung auf die Judenheit ausgehen. Die Zugehörigkeit zu einer Volksgemeinschaft ist nirgends abhängig von der Güte der zufällig herrschenden Gruppe. Es ist unwahr, daß die innere Stärke der zionistischen Idee durch die Jewish Agency-Politik berührt worden ist. Niemand ist oder wird Zionist um einer Exekutive willen oder einer politischen Opposition zuliebe. Man ist Zionist aus Notwendigkeit, und der Zionismus überkommt den jüdischen Menschen wie ein Elementarereignis, wenn es sich nämlich um echten Zionismus handelt. Und dieser echte Zionismus kann nur solange leben, wie er weiter zu wirken vermag. Da man den erreichbaren Kreis gewonnen hatte, und da der neue Gegner fehlte, blieb nichts anderes übrig als sich aneinanderzu reiben und die Schuld für alle unschönen und peinlichen Erscheinungen dem angeblich falschen politischen Kalkül einer fernem Leitung zuzuschieben. Es kommt somit darauf an, der zionistischen Welt eine neue Wirkungsmöglichkeit auf die Judenheit zu eröffnen. Das ist der eigentliche Sinn der Erweiterung der Jewish Agency. Nur Zionisten, die sich noch niemals mit dem Keren Hajessod beschäftigt haben, können fragen, ob dann die neuen Partner auch die erforderlichen .Wittel zur Verfügung steilen werden. Es gibt ehrliche Versprechungen, es wird ernste Verpflichtungen geben. Aber ich möchte auch diese Verpflichtungen nicht höher einschätzen als materielle Verpflichtungen, die bisher von Zionisten übernommen worden, sind. Die Schulden an Palästina sind leider immer Holschulden. Die Mitglieder des jüdischen Volkes müssen in ihren Wohnungen besucht werden, wenn man von ihnen Geld haben will. Wir hatten die Kraft, von den uns bisher erreichbaren Juden Geld abzuholen, und wir werden die erhöhte Kraft haben müssen, getragen von unserem reinen und unverfälschten Zionismus, neue Menschen zur Hergabe großer Mittel zu veranlassen. Es wird keine Entlastung der zionistischen Geber eintreten. Diejenigen Zionisten irren sich, die glauben, daß ihre Leistungen für den Keren Hajessod nach der Erweiterung der Jewish Agency sinken dürfen, und daß andere an ihrer Stelle zahlen werden. Aber neue große Zahler kommen hinzu, und wir werden mit vereinten Kräften das bestehende Werk konsolidieren und die notwendige neue Großkolonisation in die Wege leiten. Versagen wir, dann werden auch die anderen nichts zu leisten vermögen; gewinnen wir neue Kraft zur Arbeit, dann werden wir noch in unseren Tagen die Verwirklichung des Basler Programms erleben.