Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Lebens, seine Trost- und Ausweglosigkeiten, z. B. die, daß es keine Garantien für die Zukunft der Menschheit gibt, daß der Menschheit der ewige Tod droht, aus der Welt gelogen werden? Das, was die Menschheit über die Nützlichkeiten der Zivilisation hinaus kennt und liebt, ist bei den kaltschnäuzigsten Naturalisten immer noch besser aufgehoben als bei denen, die das Wichtigere unter den Titeln „Verklärung" und „Erhebung" anpreisen. Wenn die Wahl nur wäre zwischen Joseph und Freud, so wählte ich Freud. Aber vor diese Wahl sind wir keineswegs gestellt; wir brauchen wie nicht die idealistische, so auch nicht die naturalistische Metaphysik. Vor aller Metaphysik liegt „das fruchtbare Bathos der Erfahrung", der Erfahrung des menschlichen Lebens, aus dem aller Gehalt und alles Recht jeder je dagewesenen Metaphysik stammt. Daß diese Erfahrung fragmentarisch ist, daß sie die Rätsel des Lebens nicht löst, sondern nur stellt, dies ist kein Einwand gegen sie, sondern ihr eigentlicher Vorzug vor der Metaphysik, welche jene Rätsel ebenfalls nicht löst, sondern sie vertuscht, indem sie den Horizont abdunkelt. Wie immer es aber mit der Metaphysik überhaupt steht — die Metaphysik, die Joseph vorträgt, den Gottes-Bevveis aus der Ordnung und Schönheit der Natur- und Menschenwelt, die dürfte seit der „Kritik der reinen Vernunft" aus dem philosophischen Bewußtsein der Menschheit, wenn auch nicht aus den Handbüchern der katholischen Dogmatil u. ä., verschwunden sein. Nur auf dem Felde der Erfahrung ist der Kampf zwischen Glauben und Unglauben auszufechten. Und einen Erfahrungsbeweis zu führen, bemüht sich tatsächlich auch Joseph. Er glaubt beweisen zu können, daß das Leben ohne den „Glauben an einen Sinn des Lebens" sinnlos ist. Darüber ließe sich vielleicht reden; strittig ist aber, ob das Leben ohne den Glauben an Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, sinnlos ist. Eine Analogie aus der Geschichte des Glaubens kann hier nützlich sein. In Moses Mendelssohns „Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele" heißt es: „Der Mensch, der Hoffnung zur Unsterblichkeit beraubt, ist das elendeste Tier auf Erden, das zu seinem Unglücke über seinen Zustand nachdenken den Tod fürchten, und verzweifeln muß." Was Mendelssohn sagt, ist so oder wenig anders Jahrhunderte hindurch gesagt und geglaubt worden; wer die Unsterblichkeit der Seele leugnete, wurde gemieden wie die Pest. Noch im Jahr 1876 nennt Dostojewski („Selbstmord und Unsterblichkeit", in „Literarische Schriften", S\9 ff.) „die Notwendigkeit des Glaubens an die Unsterblichkeit der Seele" „die älteste und höchste Idee des Menschen"; er glaubt, aus der von ihm angeführten Beichte eines Selbstmörders beweisen zu können, „daß das Leben des Menschen ohne Glauben an seine Seele und ihre Unsterblichkeit unnatürlich, undenkbar und unerträglich ist"; er behauptet, „daß die Liebe zur Menschheit sogar vollkommen undenkbar, unverständlich und unmöglich ist, ohne den Glauben an die Unsterblichkeit der Menschenseele". Und heute? Heute kann und muß Franz Rosenzweig, der freieste und stärkste Geist unter den in deutscher Sprache schreibenden gläubigen Juden, sagen: „Dieses Ziel des menschlichen Daseins in der Heimkehr zu Gott liegt so weit über alle Unstcrblichkeitsinvthologie hinaus, daß ihren irdisch-allzu- 26