Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Tempo des Verfalls mag in den verschiedenen Distrikten verschieden sein: die Tatsache selbst ist unbestreitbar. Man kann einwenden: die relativ rückständigen Teile des deutschen Judentums müssen den „Vorsprung", den das Stadtjudentum vor ihnen hat, einholen; sie müssen den unvermeidlichen Umstellungsprozeß durchmachen; dann wird bei ihnen derselbe Rückschlag eintreten, den wir an dem Stadtjudentum, das von der Rückkehrbewegung unvergleichlich stärker erfaßt ist als das Landjudentum, beobachten können. Aber wo ist denn diese berufene Bewegung eigentlich zu beobachten? An einer ganz kleinen Intellektuellen-Schicht, die in einem Teil des liberalen Bürgertums eine sozusagen bildungsmäßige Resonanz findet, so, daß die Bücher dieser Intellektuellen gelesen, ihre Vorträge besucht, ihre Formulierungen bewundert, aufgegriffen und abgegriffen werden. Ich kann in der Tatsache, daß eine Reihe von Familien an Stelle von Weihnachtsbäumen Chanukkah-Leuchter benutzen, nichts anderes sehen, als dies, daß die hemmungslose, keine Grenzen der Vernunft und der Scham kennende Unterwerfung unter die Bräuche der nichtjüdischen Umwelt in ihrer Verächtlichkeit nunmehr durchschaut ist, oder, anders gesagt, daß der soziale Aufstieg des deutschen Judentums im Lauf der letzten Jahrzehnte erhebliche Fortschritte gemacht hat. Alle die Tatsachen, die angeblich eine religiöse Erneuerung bezeugen, haben mit „religiöser Bewegung" wenig oder gar nichts, mit sozialer und nationaler Bewegung viel oder alles zu tun. Wer Propaganda für etwas macht, muß sich von der Propaganda etwas versprechen. Aber was soll sich der Atheist eigentlich von Propaganda für den Atheismus versprechen? Bestärkung in der eigenen Ansicht dadurch, daß möglichst viele andere seine Ansicht teilen? Beförderung des gemeinen Wohls? Verbreitung einer Heilslehre? Nein — Propaganda für den Atheismus brauchen wir nicht und wollen wir nicht. Den Atheismus fordern wir nicht; wir erkennen ihn als tatsächlich und als mächtig. Wie immer man seine Zukunftsaussichten beurteilt — und ich glaube, daß sie sehr groß sind, daß das kommende Jahrhundert in dem selben Sinn und Grad atheistisch sein wird, in dem das zwölfte Jahrhundert offenbarungsgläubig war — jedenfalls gibt es gegenwärtig innerhalb des deutschen Judentums eine beträchtliche Minderheit, die nicht mehr von sich sagen kann, daß sie (in einem ernsten Sinn des Wortes) jüdischen Glaubens ist. Diese ungläubigen Juden finden sich vor als Juden und sehen sich durch ihre Situation als Juden zu Ueberlegungen veranlaßt, die unter bestimmten Bedingungen zum Zionismus führen. Der Zionismus dieser Leute ist irr keiner Weise durch traditionell-jüdische Antriebe bedingt; er ist vielmehr durch einen Zusammenhang bedingt, der von jedem harschenden nur als atheistisch angesprochen werden kann. Zionisten geworden, sehen sie sich' sofort der jüdischen Tradition gegenüber, die ihre Ansprüche geltend macht, auch und gerade politische Ansprüche geltend macht. Auf diese Ansprüche kann sich der ungläubige Zionist schlechterdings nicht einlassen; denn er leugnet die Voraussetzung, auf Grund deren diese Ansprüche erhoben werden. Klar und scharf treten sich die auf dem Glauben fußende gläubige Politik und die auf dem Unglauben fußende ungläubige Politik gegenüber. Auf dem Felde der Politik haben sie ihren Kampf auszufechten. 23