Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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sein, ais die tiefe, heilige Ueberzeugung von der Wahrheit des neuen moralisch-religiösen Kulturgeistes, den die Zukunft für die Menschheit heraufführen wird? Doch dies gehört nicht mehr zu unserem eigentlichen Thema, wir wollten es hier nur andeuten. Zur Ideologie des politischen Zionismus. (In Erwiderung auf drei Aufsätze Max Josephs.) Von L e o S t r a u ß (V. J. St. Saronia, Frankfurt, A. H.) Das Mißverständnis Josephs ist wenn nicht vollständig, so jedenfalls grundsätzlich. Ich soll gesagt haben: „Freud habe in einfachen und klaren Worten die Religion als eine real unbegründete und für die Zukunft unhaltbare Illusion nachgewiesen/' Ich habe gesagt: „Die in Deutschland nicht eben gewöhnliche Klarheit und Einfachheit der Freudschen Redeweise ist geeignet..., das Herumreden um die eigentlichen Fragen zu verhindern. Diese Klarheit und Einfachheit ist allerdings auch eine große Gefahr; sie täuscht die an andere Redeweisen gewöhnten Leser über den Gehalt der Freudschen Darlegungen, ihren Gehalt durchaus auch an Fragwürdigkeit, hinweg/' Nach Formulierung der gegen Freuds Antwort zu erhebenden Gegenfrage sage ich: „So fragen, heißt einsehen, daß die eigentliche Frage erst nach Freuds Kritik beginnt/' Freilich nimmt die positive Darlegung des Freudschen Gedankens fast den ganzen Raum meines kurzen Artikels ein. Und dies mit dem größten Recht: Ich wollte, soweit es an mir lag, verhindern, daß — wie es z. B. in der Zeitschrift „Der Morgen" durch einen Mann, der meines Wissens Zionist ist, schon geschehen war — die Freudsche Schrift auch unsererseits mit ein paar idealistischen oder vielleicht auch psychoanalytischen Redensarten totgeschlagen wird. Aus diesem Grund habe ich mir Mühe gegeben, die zentrale Ueberlegung Freuds herauszuarbeiten, ihre moralische Voraussetzung aufzuzeigen, ihre geschichtliche Stellung und Tragweite anzudeuten und auf die Grenze ihrer Kraft hinzuweisen — dies alles so gedrängt, wie es der Ort, an dem ich sprach, verlangte; mich übrigens überhaupt nicht kümmernd um die unmittelbare Absicht Freuds, die soziale Ungefährlichkeit oder gar Förderlichkeit des Atheismus darzutun. Diese Absicht Freuds interessierte mich ganz und gar nicht; und schon hieraus allein hätte Joseph schließen können, daß es mir nicht um Propaganda für den Atheismus oder um den Rat zur Propaganda für den Atheismus zu tun war. Propaganda für den Atheismus ist nicht nötig. Die Bedingungen, unter denen wir leben, sind durchschnittlich wirksamer als jedes gesprochene oder geschriebene Wort. Man braucht nicht von der Großstadt zu sprechen; auch nicht von dem, was uns alle Kenner von der neuerlichen Entwicklung innerhalb des Ostjudentums erzählen; als Beispiel genüge hier das hessische Landjudentum, das (zusammen mit dem süddeutschen) im vorigen Jahrhundert als die Reserve für den konservativen Teil des deutschen Judentums galt. Dieses Landjudentum blieb von der liberalen Reform-Bewegung fast ganz unberührt. Und heute? Der Verfall ist jedem greifbar, der sich nur die Jungen und die Aelteren nach- und nebeneinander ansieht. Das 22