Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Menschen gegeben sind, um durch beides den Lebenszweck zu verwirklichen. Denn einen stärkeren Hebe! für die Entwicklung des Geistes und den Aufstieg des menschlichen Lebens und Seelenlebens als die^ beide-, kann es gar nicht geben. Und unleugbar liegt in der Entwicklung, che die Zeit uns offenbart, die Tendenz auf ein Ziel hin. So deutet auch die in der Zeit sich dehnende Welt, so gut wie die Welt des Raumes, auf einen durch die wahre, innerste Realität verbürgten Sinn der Welt und des Lebens. Wir haben, um unser umfassendes Thema in dem gegebenen engen Rahmen einigermaßen ausfuhren zu können, auf manches nur andeutend hingewiesen. Und eine Andeutung soll es auch nur sein, wenn wir zum Schluß noch folgendes sagen: Wenn nicht alle Anzeichen trügen, nähert sich jetzt das religiöse Bewußtsein einer neuen Biegung seines dritten Entwicklungsweges. Nicht durch bloße Sittlichkeit im alten, engeren Sinne, sondern durch ihren ganzen Lebens- und Arbeitsprozeß, durch kultursteigernde Tätigkeit in den Schranken der Sittlichkeit schreitet die Menschheit der Lösung ihrer großen Aufgabe, ihrem gottgewollten, erhabenen Ziele entgegen. In schnellerem, beschleunigtem Tempo, weil die Sittlichkeit nur mehr mittelbar, die Arbeit, die Kulturarbeit, die Entwicklung der seelischen Energien aber unmittelbar dem Ziele entgegenführt. Den sozusagen weiblichen Tilgenden treten die männlichen an die Seite, und so vollzieht sich gleichzeitig eine Erhöhung und Vervollkommnung des Typus des Menschen. Objektiv wird das Ziel stärker gefördert, subjektiv der Mensch erhöht, indem der seit lange vorbereitete Begriff der selbst- und zielbewußten, der tapferen und tatkräftigen Persönlichkeit, der Begriff des Kulturfördernden, des Schaffenden, des Helden und des hingebenden willensstarken Märtyrers, von der durch Wissenschaft und Leben reifer gewordenen Erkenntnis des aufwärts- und vorwärtsstrebenden Menschen gewonnen, fortan in den Mittelpunkt des sittlichen und zugleich religiösen Bewußtseins der Menschheit tritt. Brauchen wir noch erst zu sagen, welche frohen Hoffnungen für die Berufung unseres Volkes in uns aufsteigen, wenn wir an die weitere religiöse Entwicklung der Menschheit denken? Unser Volk, einst das klassische Volk der Religion, steht wieder einmal, wie so oft in den Tagen der alten Propheten, auf der Höhe seines Geschickes, es steht vor und in seinem größten Erlebnis seit zwei Jahrtausenden, vor der großen, schweren Aufgabe, sich aus versprengten Atomen wieder zur Einheit zu sammeln, sich physisch, wirtschaftlich, sozial, moralisch und religiös neu aufzubauen. Zur Lösung dieser einzigartigen Aufgabe muß der Geist der Kraft, der Arbeit, der strengen Willenszucht, der Kultur zeugenden und steigernden Tätigkeit, muß der Geist des hingebenden, freudigen Kampfes zur Erreichung des Zieles und der Ueberwindung von tausend Hemmnissen und Schwierigkeiten mit dem Geist der Liebe, den unser Volk einst geboren, sich verbinden. Die Seele des jüdischen Menschen soll durch Arbeit, allseitige Kulturarbeit, insbesondere Hinwendung zur Urproduktion regeneriert und zu einer freischaffenden und sich voll auswirkenden Kulturkraft erhoben werden. Kann das Ergebnis dieses die Seele bis auf den Grund aufwühlenden Erlebnisses etwas anderes 21