Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3537599-3537802-3537806--7173-3545210- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
bei tieferer Betrachtung nicht mehr als Materie, sondern als Kraft, wenn von innen, als Trieb mit anhaftender Empfindung, auf der Stufe des Menschen in höchster Entwicklung als Wille mit Intellekt. Die Einheit der Welt — denn alles ausnahmslos steht in Beziehung zueinander — weist auch auf die Einheit im Prinzip, im Wesen. Kraft und Trieb, Kraft und Wille treffen sich im Begriff der Aktivität. Das uns Bekanntere, mehr Unmittelbare ist das Seelische, wie es ja auch die Voraussetzung, die Vorbedingung für das Vorhandensein einer Erscheinungswelt überhaupt bildet. Wir führen daher das Unbekanntere, das Sekundäre auf das Bekanntere, Primare zurück. Wirklich bekannt und durchschaubar ist uns freilich auch das Seelische nicht. Wir erkennen weder die Selbstverständlichkeit seines Daseins noch seines Soseins, wir erkennen nur, daß und wie es ist, nicht aber, warum es ist und warum es so ist. Darum ist das Innere, Innerste der Wirklichkeit zwar nicht Seele, aber der Seele doch jedenfalls näher verwandt, als der Kraft, die wir uns als unbewußt wirkend vorstellen. So bürgt uns der dem Seelischen verwandte Grundcharakter der Welt, der, ins Unendliche sich verlierend, im Vergleich zu unseren eingegrenzten und beengten Seelenleben aufs höchste gesteigert und vervollkommnet vorgestellt werden muß, für die Möglichkeit, ja hohe Wahrscheinlichkeit, daß dem Leben und der Welt ein guter, hoher Sinn innewohne. Nicht blinde, absolut unbewußte, sondern vielmehr wollende und geisterleuchtete oder, genauer, ihnen verwandte, sie überragende Kräfte bestimmen und beherrschen Welt und Leben. Betrachten wir nun die Welt, wie sie sich in der Zeit vor uns dehnt, so erkennen wir in ihr ebensowenig bloße Veränderungen, wie in der raumerfüllenden Welt ein bloßes Neben- oder Durcheinander. Vielmehr wie hier Kosmos, so erkennen wir dort Entwicklung, Aufstieg zum Höheren. Wenn Sternkunde und Erdgeschichte uns nur das allmähliche Entstehen der Voraussetzungen für die Entfaltung des organischen Lebens vor Augen fuhren, so c' . organische Entwicklungslehre die Steigerung und Vervollkommnung (Jc> organischen Lebens bis hinauf zum Menschen. Die Prähistorie und die Kulturgeschichte aber lehren uns den Menschen als sich vervollkommnendes, in seinen geistigen und sittlichen Kräften und Leistungen sich, wenn auch nicht in klar erkennbarer gerader Linie, immer mehr hinaufarbeitende« Kulturgeschöpf kennen. Forschen wir dann insbesondere in der Religionsgeschichte, so sehen wir auch hier einen Stufengang der Entwicklung, so oft es auch hier seitliche Abbiegungen, Verkrümmungen und scheinbare Abstiege geben mag. Der erst leise heraufdämmernde religiöse Trieb klimmt über mancherlei Zwischenstufen von der magischen zur kultischen, von der kultischen zur ethischen Stufe empor. Der Wille erkennt, erfühlt im Lichte des Intellekts auf der dritten Stufe die religiöse Wahrheit, daß die Erlösung des Menschen nur durch Sittlichkeit, durch das rechte, pflichtmäßige Handeln möglich ist. Das menschliche Eriösungsbedürfnis ohne weiteres auf das Weltwesen selbst zu übertragen, da/u liegt weder Zwang noch Berechtigung vor, da da-, Weltwesen nach seiner innersten Natur von uns nicht oder noch nicht erfaßt wird. Als sicher darf nur gelten, daß die leidvolle Beschaffenheit de:, Leben-, und das daraus hervorgehende religiöse Eriösungsbedürfnis den 20