Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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der Totalität der Wirklichkeit das Leben sich un* ja nur als ein Teil der Welt, als in sie hineingebaut darstellt. Was gegen die Herrschaft der Sinnlosigkeit, des absoluten Zufalls in der Welt spricht, das ist zunächst die Gebundenheit, die Gesetzmäßigkeit im Geschehen der Welt, eben jene Gesetzmäßigkeit, die einer kindlichen, auf Wunder gestellten Religiosität so sehr entgegensteht. Das Eingebundensein der Welt in einen von einem absoluten Geist berechenbaren Verlauf alles Geschehens ist unleugbar zwar kein Beweis, aber wohl eine Instanz gegen die Annahme eines Zufälligkeits- und Sinnlosigkeitscharakters der Welt. Im engen Zusammenhang mit der Gesetzmäßigkeit heischt die Tatsache der Ordnung in der Welt unsere Beachtung. Trotz aller von den lebenden Wesen als solchen empfundenen Disharmonien ist die Welt doch immerhin kein wildes, wüstes, formloses Durcheinander, kein Chaos, sondern ein Kosmos. Man denke nur an die durch unendliche Zeiträume feste, kaum je erschütterte Ordnung im System der Himmelskörper, oder an das Alter und die Entwickhing der Erde und die organische Entwicklung auf der Erde, deren Ansteigen durch zahllose Veränderungen hindurch von keiner Katastrophe verhindert worden ist. Eine Instanz gegen den Zufälligkeitscharakter alles Geschehens sind ferner die vielen Erscheinungen, die sich aus bloßer blinder -Kausalität als einem letztlich wirkenden Faktor nicht erklären lassen, also z. B. alle Erscheinungen, die zumeist mit einem inneren Schönheitsgesetz der Welt zusammenhängen. Hierher gehört alle Symmetrie und aller Rhythmus, der Bau, die Formen der Organismen, insbesondere der Pflanzen. Ueberhaupt aber bildet die ästhetische Seite der Welt, ihre tausendfältige Schönheit — die konnte selbst der Vater des neueren Pessimismus nicht leugnen — einen Hinweis auf die im All wirkenden sinnvollen Kräfte, einen Hinweis auf, ein Symbol für die innere Hoheit der Totalität des Seins. Aber nicht nur der ästhetische Betrachter, auch der wissenschaftliche Erforscher der Welt steht mit Bewunderung und Staunen vor den wundersamen und tiefgründigen Erscheinungen der Welt, mit dem größten Staunen vor der Urtatsache des Seins, der Welt, des Lebens selbst, und er erschauert in Ehrfurcht vor den letzten Tiefen, in die er nicht hinabzusteigen vermag. Je tiefer er hinabsteigt, desto grundloser, abgründlicher, rätselvoller erscheint ihm alles. Da erkennt er, ohne zu verstehen, ohne es vorstellen zu können, das unendlich Große und das unendlich Kleine, sieht, daß, aber nicht, wie das Endliche in das Unendliche hineingebaut ist, daß also im Unendlichen, ins Unendliche das Rätsel dieser unsagbar rätselvollen Welt sich verliert und, für uns unlösbar, überhaupt oder wenigstens jetzt, beschlossen ist. Daß er das innerste, letzte, wahre Wesen der Welt nicht erkennt und es im Unendlichen sich verlieren sieht, gibt ihmj die Möglichkeit, das Leben unserer Erfahrung, also auch unsere ganze Erfahrungswelt über sich selbst hinaus ins Unendliche hineinzubauen. Der letzte Sinn der Welt, in unserem Erfahrungsbereich für uns unauffindbar, wird dort offenbar und gegeben sein, wo diese Welt sich für uns ins Unendliche verliert. Betrachten wir die Welt, wie sie sich im unendlichen R a u rn e vor uns dehnt, dann erscheint uns, wenn wir von außen an sie herantreten, ihr Wesen 19