Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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gegangen, dann wäre aus etwas, was von Ewigkeit her existiert, aber um seine Existenz nicht weiß, — übrigens ein merkwürdiges Von-Ewigkeit-her- Existieren — mit einem Mal etwas hervorgegangen, was wohl um seine Existenz weiß, und nicht nur dies, sondern was auch gleichzeitig ein mehr oder weniger vollkommener Spiegel dessen sein soll, was nicht um seine Existenz weiß. Also Wunder über Wunder! eine ganz erstaunliche, geradezu zauberhafte Sache! wie ein Märchen aus Tausend und eine Nacht! Ein Zweites, ebenso Wichtiges und Entscheidendes ist dies: die seelischen Vorgänge sind uns unmittelbar gegeben, sie sind uns eine unanzweifelbare Realität, wenn auch gewiß noch keine letzte, weil wir bei ihr noch immer nach dem Woher und Warum, nach dem Grunde ihres Seins und ihres Soseins fragen müssen. Die Materie aber ist uns — und wir gehen jetzt einen Schritt weiter — nur als Empfindung und Vorstellung gegeben. Daß sie also, vorausgesetzt, daß sie unabhängig von unserer Vorstellung existiert, so sei, wie sie uns durch die Vermittlung unserer Sinne erscheint, ist schon insofern ausgeschlossen, als ihre Erfassung von der besonderen Beschaffenheit unserer Sinnesorgane und ihrer spezifischen Energien abhängig und durch sie zum mindesten mitbestimmt ist. Es tritt noch weiter hinzu, daß schon an der einfachsten Empfindung die gestaltende, formende Kraft unseres Intellekts sich aktiv betätigt. Es ist aber erkenntniskritisch ganz unmöglich, das, von dessen Existenz wir unmittelbar nichts wissen und was nur als zumindest von uns mitgestaltete Empfindung gegeben ist, als Entstehungsgrund unserer seelischen Vorgänge anzusehen, die uns doch aus allem Existierenden allein unmittelbar gegeben sind. Nachdem wir so unser Seelenleben als der sog. Materie gegenüber selbständige, unableitbare und zugleich aus dem Gesamtbereich alles Existierenden allein unmittelbare Tatsache festgestellt haben, treten wir an die Totalität der Dinge, der unmittelbar und mittelbar gegebenen, prüfend heran. Auch der mittelbar gegebenen. Denn mögen diese Dinge uns auch nur als Vorstellungen gegeben sein, so wissen wir doch, daß die vorgestellten Dinge unserem Willen entgegenwirken, bis zum äußersten entgegenwirken können. Wir werden also nicht umhin können, ihnen, auch ohne strengen Beweis, eine mehr als bloß ideelle Existenz zuzuerkennen. Wir treten also an die Totalität der Dinge heran und fragen: Welche Bürgschaft bietet uns die Welt für einen trotz allem guten und hohen Sinn des Lebens? Denn nur, wenn es einen solchen Sinn des Lebens gibt, kann eine Erhebung über die empirische Wirklichkeit als möglich gedacht werden. Richtig ist, daß wir einen letzten Sinn des Lebens und der Welt nicht anzugeben vermögen. Richtig ist auch, daß wir in der Welt eine durchgehende Zweckmäßigkeit nicht entdecken können, daß alles Werden und Geschehen uns von tausend Zufälligkeiten beherrscht erscheint. Eine höhere Zweckmäßigkeit bleibt darum wohl immer noch möglich. Da wir sie aber, eben weil der letzte Sinn der Welt und des Lebens uns verborgen ist, nicht erkennen können, so kann der Glaube an sie, die bloße Möglichkeit und Annahme einer solchen, unser religiöses Gefühl und also auch unseren religiösen Glauben nicht bestätigen. Was weist denn nun auf einen höheren Sinn der Welt und des Lebens hin? Welt und Leben müssen im Zusammenhang betrachtet werden, da in 18