Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1929-04-01 · Heft 3-4 (April 1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
26 (1929)
Issue
Heft 3-4 (April 1929)
Date
1929-04-01
Page
[Seite] (sequence 47)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3537599-3537802-3537805--7139-3545175
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zionismus. Gibt es eine hinreichend große Zahl solcher Zionisten, dann ist damit auch das Problem der Mittel für den Aufbau gelöst, dann gibt es die Arbeiter, die imstande sind, die jüdische Welt zu bewegen. Es wird nun bei uns erörtert, wie diese Menschen aussehen sollen, Menschen, die Jahre und jahrzehntelang unerschüttert ihre zionistische Existenz ertragen. Lichtheim hält sehnsüchtig Ausschau nach unverkrampften Menschen ohne Seelenschmerz. Er erwartet alles von einem bestimmten, einfachen, unkomplizierten und eindeutigen Typus. Mir will scheinen, daß diese Sehnsucht nach Ungebrochenheit, Einheitlichkeit und Einfachheit gerade in den Herzen derer groß wird, die viel innere Qualen erlebt haben. Es ist aber ferner unmöglich, von einem erwünschten menschlichen Habitus auszugehen, wo wir doch die Aufgabe haben, uns mit den Voraussetzungen der Menschen zu beschäftigen, die der Zionismus zu erfassen vermag, weil sie den Zionismus für sich brauchen. Das eigentümliche unserer jüdischen Entwicklung liegt doch darin, daß wir noch vieldeutiger, verschlungener und unausgeglichener sind als intellektuelle Nichtjuden unserer Art. Die zionistische Bewegung wirkt anziehend und befreiend, weil sie dem jüdischen Menschen die Kraft gibt, den Schwerpunkt seines Wesens festzustellen. In unserer zionistischen Erziehung wird es also nicht darauf ankommen, den unmöglichen Versuch zu machen, Differenziertes zu simplifizieren. Dieser Versuch scheint mir auch recht überflüssig zu sein, da ich keine menschliche Leistung unseres Jahrhunderts kenne, deren Träger nicht differenzierte, übersteigerte, in Lichtheims Sinne also der Natürlichkeit entbehrende Menschen gewesen sind. Man kann aus der Fülle der bekannten politischen Menschen die Namen beliebig herausgreifen; gar nicht davon zu reden, welch merkwürdig komplizierte Naturen die führenden Persönlichkeiten in der Geschichte gewesen sind. Wir erstreben die Natürlichkeit jüdischen Wesens. Wir sind Zionisten um dieses selbstverständlichen jüdischen Lebens willen. Aber wir sind eben, um dieses Ziel zu erreichen, Zionisten geworden, d. h. wir gewannen die Einsicht, daß nur natürliche Lebensbedingungen in der allseitig sich entwickelnden jüdischen Volksgemeinschaft in Palästina den uns erwünschten menschlichen Typus schaffen können; Bedingungen, nicht Postulate. Hier haben wir mit Bundesbrüdern fertig zu werden, die unter unzionistischen Bedingungen aufgewachsen sind und denen wir eine solche Erziehung geben müssen, daß sie imstamde sind, ein Leben lang die Last zionistischer Arbeit zu tragen und dabei doch das Glück empfinden, Zionist sein zu können. Wir sind daran verhindert, uns durch selbst gegebene menschliche oder geistige Normen abzusperren. Wir wollen doch die gewinnen, die als Kinder einer Judentums-feindlichen Welt, verwirrt in ihrem jüdischen Empfinden, den Weg zu uns nicht mehr von selbst finden. Unsere erste Aufgabe liegt also darin, den jungen Zionisten zur Klarheit über sich selbst zu bringen und ihm die wirklichen Bedingungen seines Wesens und Lebens überzeugend darzulegen. Unsere dahingehenden Bemühungen wurden von Antizionisten als Entwurzelungstheorie bekämpft und von Zionisten vielfach unter dem gleichen Schlagwort mißverstanden. Wir haben nie versucht, Juden aus festen, klaren 47

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.