Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (April 1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Geist des Zionismus bedroht Es besteht die Gefahr, daß Palästina dann als ein fernes feiertägliches Ideal erscheint, und daß der Geist: der jüdischen Kehilla sein Haupt erhebt, d. h., daß der jüdische Bürgersmann im engen Kreis seiner Gemeinde- oder Vereinsarbeit sich ganz wohl und zufrieden fühlt und den Stachel des zionistischen Zukunftswillens immer weniger empfindet. Diese Gefahr ist heute doppelt groß, angessichts der offiziellen Politik des Zionismus, wie sie sich in der Keren Hajessod- und Agencybewegung darstellt. Es besteht die Gefahr, daß der große Zionismus den Charakter eines von jüdischen Notabein geforderten Wohltätigkeitsunternehmens annimmt, daß damit der Ernst und die Wucht des ursprünglich nationalen Ideals verschwindet, daß der Judenstaat in Palästina nicht mehr als konkrete Aufgabe und politisches Ziel, sondern als messianische Zukunftshoffnung im Stil des jüdischen Liberalismus empfunden wird, und daß damit schließlich und endlich das Gettho wieder über den Zionismus triumphiert, der sich einst im Kampf gegen dieses Ghetto erhoben hat Viele Indizien im Zionismus und außerhalb des Zionismus sprechen dafür, daß diese Degeneration des Zionismus droht, und darum ist es unsere Aufgabe, von neuem die Losung auszugeben, daß wir den Judenstaat in Palästina als Realität schaffen wollen, und daß nur ein so verstandener Zionismus Sinn hat Nur so kann echter Pioniergeist erhalten bleiben und nur so kann auch der Galuthzionist immer wieder den Zionismus als seine Sache erleben. In voller Erkennntnis dieses Sachverhaltes sagen wir, daß andererseits das Gallith seine Forderungen an uns stellt und stellen darf, daß auch für den Zionisten in den meisten Fällen sein Dasein ein Galuthdasein bleiben wird, und daß gerade hieraus die Notwendigkeit emsiger Betätigung im Galuth folgt auf allen Gebieten, die der Erhaltung des Judentums und seiner kulturellen Fortentwicklung dienen. Gemeinde und Schule müssen sein, weil die Juden im Galuth sind, und weil ja schließlich auch der Zionismus sich bei seiner Werbearbeit auf Menschen stützen muß, die durch Wissen und Gefühl noch mit dem Judentum verbunden sind. Im Osten, wo es sich um größere Volksmassen handelt, versteht sich das alles von selbst. Dort will die Masse leben und die jüdischen Führer müssen auch im täglichen Leben der Masse Führer sein. Schließlich fordert ja auch der Zionismus im engeren Sinn eine Fülle von Arbeiten im Galuth, von organisatorischen, wirtschaftlichen und politischen Arbeiten, und schließlich muß ja auch zwischen dem jüdischen Galuth und Palästina ein innerer Zusammenhang kultureller Art geschaffen werden, der heute nur im Osten besteht, in den heutigen Formen aber sich nicht mehr lange erhalten kann. Dies ist ein Zukunftsproblem, auf das bisher noch von keiner Seite eine umfassende Antwort gegeben wurde. Man muß sich aber einmal klar machen, daß es nicht das Ziel des Zionismus sein kann ein Palästina zu schaffen, das sich in völlig anderen Bahnen entwickelt als das Judentum der Diaspora. Die geistige Brücke wird einmal gefunden werden müssen, und so wird auch die \Galutharbeit immer ihre palästinensische Bedeutung haben. Auf diesem breiten Felde der Galutharbeit muß also Verständnis und Toleranz nach allen Seiten herrschen, und nur eine Linie gibt es, die nicht überschritten werden darf: Es darf diese Galuth- 37