Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (April 1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537802-3537805--7125-3545161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Unbestritten ist das große Verdienst der sozialistischen Arbeiterschaft in Palästina, welche dort echte Pionierarbeit geleistet hat Es ist vielleicht nicht uninteressant zu bemerken, daß unter den alten Arbeiterführern Palästinas viele Legionisten Jabotinski's sind, welchen das nationale Ziel genau so wichtig ist wie das soziale, und welche im Gegensatz etwa zum J. J. W. B. in Deutschland den Zionismus nicht nur zum Tummelplatz radikaler Phrasen machen. Der schwerwiegende Fehler, der von den Arbeiterführern in Palästina begangen wurde, bestand darin, daß die Arbeiterorganisation einen Kampf um die Macht im Lande führte, bei dem sie infolge der Schwäche und Nachgiebigkeit der zionistischen Leitung schon gesiegt zu haben schienen, bis dann die Wucht wirtschaftlicher Tatsachen das Gebäude der Arbeiterorganisationen und ihrer Institutionen erschütterte. Tatsächlich hat der Gang der Ereignisse in Palästina gegen die grundlegenden Theorien der Arbeiterschaft entschieden. Der Versuch der Histadruth durch den Solei Boneh zugleich als Gewerkschaft und als Unternehmer aufzutreten, ist gescheitert, obwohl die zionistische Exekutive den Solei Boneh jahrelang mit großen Summen unterstützt hat. Vor allem aber, und das ist für uns und unsere Jugend besonders wichtig, haben sich die Theorien der Arbeiterschaft in der Landwirtschaft nicht bewährt. Ich wiederhole, daß das große Verdienst der Arbeiterschaft um den Beginn der Pionierarbeit nicht herabgesetzt werden soll; und man kann heute mit um so leichterem Herzen über diese Frage sprechen, als die Arbeiterschaft selbst in Palästina schon zum großen Teil jene verfehlten. Schlagworte und falschen Ideologien überwunden hat, die die Arbeit in Palästina belastet und eine große zionistische Generation im Galuth in die Irre geführt haben. Vor allem ist die Erkenntnis durchgedrungen, daß man nicht um der kommunistischen Theorie der Kwuzah willen einem südlichen Gartenbauland die Wirtschaftsform eines nordischen Getreidelandes aufzwingen kann. Die Arbeiterschaft selbst hat erkannt, daß die Kwuzah unwirtschaftlich ist und immer stärker setzt sich in Palästina die Idee der Einzelwirtschaft und neuerdings auch der intensiv betriebenen Einzelwirtschaft durch. Wenn dies einmal erkannt ist, muß natürlich die Theorie der Kwuzah und alles was damit zusammenhängt, sich auflösen. Ein anderes Schlagwort, die ausschließliche Selbstarbeit (Awodah Azmith) ist auch im Aussterben. In der großen Kwuzah, wo die Arbeitsteilung gar nicht zu umgehen ist und ein jeder, der irgend etwas tut, als Genosse betrachtet wird, existiert dieses Problem natürlich nicht. Aber in der Einzelwirtschaft, die einer bestimmten Familie gehört, muß das Problem der Lohnarbeit auftauchen. Will man aus kommunistischer Konsequenz Lohnarbeit in keiner Form dulden, so kann man aber keine bäuerliche Einzelwirtschaft oder Pflanzung betreiben. Man hilft sich in Palästina mit der sogenannten Verwandtenarbeit, was zu der sonderbaren Konsequenz führt, daß irgend ein entfernter Verwadter, welcher ohne Lohn umsonst arbeitet, nicht ausgebeutet erscheint, während ein bezahlter Lohnarbeiter kapitalistisch ausgebeutet ist und daher nach der Theorie nicht existieren darf. Einsichtige Arbeiterführer begreifen 33