Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- Heft 3-4 (April 1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber sie konnten es nicht verhindern, daß in einer Zeit, in der andere Kreise, auch jüdische, dem Chaos durch straffere Ordnung, durch Stählung männlicher Eigenschaften, durch Stärkung und bewußte Pflege formender Kraft geschlossene Gebilde entgegensetzten, bei uns diese gemeinschaftsgestaltenden Kräfte verschwanden, und wo sie sich etwa dennoch regten, als ungeistig gescholten wurden. Und doch hatten wir es einmal als zionistisch wesentlich erkannt, gegenüber dem für die jüdische Gemeinschaft vielfach abträglichen Sichausleben rein individueller Kräfte bewußt jene Kräfte zu stärken, die sich bei anderen Völkern staatsbild n e r i s c h und staatserhaltend auswirken. Liebe Bundesbrüder, Ihr wißt, wohin diese Entwicklung das Kartell schließlich führte: zu einem Versagen der Kartellfreudigkeit, zu einer bewußten und oft häßlich betonten Abwendung von den EHngen seines spezifischen Interesses, das — nicht unähnlich dem von uns früher so scharf getadelten Nestbeschmutzer tum assimilatorischer Prägung — sich auch in dem abgelaufenen Kartelljahr in einigen Fällen gezeigt hat. Die wenigen Bundesbrüder, die sich in dieser Situation zusammenfanden und in deren Namen ich Euch heute Rechenschaft ablege, waren entschlossen, diesem Gebilde von Bundesbrüdern, Verbindungen, Altherrenbünden, das wir K. J. V. nennen, erneut Gestalt und Gepräge zu geben. Und sie erkannten, daß es dazu nur e i n Mittel gäbe: die unbeirrbare zielbewußte Arbeit für die Angelegenheiten des Kartells. Kleinarbeit, wenn Ihr wollt; problemlos, sofern man Problematik für ein Reservat der ewigen Zweifler Ihäli Wir wollten die Arbeit übernehmen, um überall im Kartell die gestaltenden Kräfte anzuregen und so etwas zu schaffen — das kritisiert werden kann; denn das wissen wir wohl, daß unsere Arbeit Mängel hat, und daß sie auch in ihrer Tendenz vielen nicht entsprach; waren wir ja nur von einer geringen Mehrheit gewählt worden. Bbr. Kanowitz, mit dem ich kürzlich auf dem Kartelltagskonvent einer der Berliner Verbindungen zusammentraf, stellte an den Anfang seines Korreferates die Erklärung, dies Präsidium habe alles gehalten, was es versprochen habe. Soweit wie er will ich nicht einmal gehen. Aber der Kartelltag mag selbst beurteilen, daß wir uns um alles, was wir versprachen, ernsthaft bemüht haben und nirgends bei bloßen Worten stehen geblieben sind. Das Erste war, daß wir den persönlichen Zusammenhang neu knüpften. Als ich bald nach dem Berliner Kartelltag die Verbindungen in Freiburg, Bonn, Heidelberg, Köln und Frankfun a. M. besuchte, fand ich bei den jüngeren Bundesbrüdern zum Teil die Vorstellung, daß es kaum mehr recht lohne, im K. J. V. sich zu bemühen; daß in Berlin die Bundesbrüder der verschiedenen Richtungen sich bis an die Zähne bewaffnet gegenüberständen und das Kartell, wie ich damals wiederholt hörte, auseinanderfallen würde. Ich glaube, daß es gelungen ist, diese irrige Meinungen zu berichtigen und das Gefühl der Selbstbesinnung und des Selbstvertrauens zu stärken, vor allem auch die Einsicht, daß sachliche 8