Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1929-04-01 · Heft 3-4 (April 1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
26 (1929)
Issue
Heft 3-4 (April 1929)
Date
1929-04-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3537599-3537802-3537805--7099-3545135
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1919 kamen wir in Berlin zusammen, an einem Tage, der wohl so lange und doch so stürmisch' herbeigewünscht war, wie bislang kein Ereignis in der Geschichte des K. J. V. Ersehnt vor allem von jenen Jahrgängen 1890 bis 1900, den am stärksten vom Kriege betroffenen Generationen, für die man in der neuesten deutschen Kriegsliteratur die Bezeichnung der „zehn verlorenen Jahrgänge" gewählt hat. Und auch die K. J. V.er dieser Jahrgänge hatten sich in der langen Zeit zwischen der Fusion von K. Z. V. und B. J. C. vor dem Kriege und dem ersten Kartelltag nach dem Kriege irgendwie verloren gefühlt. Aber die jahrelange Hoffnung auf Heimkehr und Wiederaufnahme des persönlichen zivilen Lebens war bei ihnen gestärkt worden durch den Wunsch zu einer über persönlichen Betätigung. Während außerhalb unserer Reihen nur der eine Wunsch bestand, zu sich selbst zu kommen, und mit den allgemeinen Dingen, die man in Form des Kriegsdienstes genugsam verspürt hatte, nichts mehr zu tun haben wollte, war in uns gerade der Wunsch lebendig, zu einer allgemeinen Tätigkeit, der Wunsch, endlich zu unseren jüdischen Angelegenheiten zurückzukommen. Und dieser Wunsch konzentrierte sich auf das neu zu beginnende Leben des Kartells, das jener erste Kartelltag einleiten sollte. Nun, die 10 Jahre, die verflossen sind, seit Egon Rosenberg damals den I. Kartelltag eröffnete, haben nicht alle Erwartungen erfüllt. Die Gestaltlosigkeit des deutschen Lebens, der chaotische Zustand, den der Widerstreit kommender und gehender Meinungen wirtschaftlich, politisch, sozail und geistig um uns herum schuf, wirkte sich auch bei uns aus. Der bundesbrüderliche Zusammenhang, der sich während des Krieges in einer eigentümlichen, schönen Form gezeigt hatte und der jedem Teilnehmer von Feldzusammenkünften unvergeßlich bleiben wird, verlor in dieser so ersehnten Nachkriegszeit: viel von seiner Festigkeit und Reinheit. Ja, jener spezifische K. J. V.-Charakter schien oft verloren zu gehen, wenigstens soweit die eigentümliche Prägung unseres Bundes als solchen in Fragve kam. In der vorbehaltlosen Hingegebenheit an alle Fragen der Zeit und ihre ephemeren Erscheinungen, in der Annahme aller, von außen gestellten Forderungen glich das Kartell ein wenig dem Deutschen Reich dieser Jahre, das freilich einen Weltkrieg verloren hatte und bei seiner Annahme der von außen kommenden Forderungen nicht freiwillig handelte. Die Blau-Weiß-Fusion sah das K. J. V. als den nachgiebigen und verlierenden Teil, die Forderung der Aufgabe des akademischen Rahmens fand keinen Widerstand. Das K. J. V. hatte mit dem Schwinden seiner Widerstandskraft verlernt, nein zu sagen, verlernt, daß eine Beschränkung auf spezifische Aufgaben, weil allein deren Durchführung ermöglichend, auch für die Allgemeinheit, der man dienen will, förderlicher sein kann als das Aufgreifen jeder Tagesmeinung. Nur wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich. Wir schulden Dank allen jenen Bundesbrüdern, die in diesen chaotischen Jahren sich um die Angelegenheiten des Kartells bekümmerten. Um so mehr, als es vielfach dieselben waren, die mit zionistischer Arbeit und zionistischen Aemtern ohnedies überhäuft sind. 3 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.