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Der jüdische Student · 1929-03-01 · (März 1929) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
26 (1929)
Issue
(März 1929)
Date
1929-03-01
Page
[Seite] (sequence 35)
Language
German
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meines Hierseins mehr erlebt zu haben, als ich in der dreifachen Zeit in Europa hätte erleben können. Unsere Gruppe zerfiel bald. Einer verunglückte tödlich bei einer Brunnenarbeit; seine Frau gebar ein Kind und starb zwei Tage darauf an Typhus; ein dritter, kenntnisreich und tüchtig als Arbeiter und Oranisator von Arbeit, beging Selbstmord. Und von einem Teil der anderen ist besser nicht zu berichten. Mit einem wirtschaftete ich auf gepachtetem Boden in Artuf, einer sfardischen Siedlung. Unser Boden lag einsam. Nur zur Mittagszeit fanden sich die Araber mit ihren Herden an unserem Brunnen ein. j-.rcif, zwiochen kahlen Bergen mit mächtigen Felsblöcken gelegen, baumlos, still, mit blendend-hellem Stein in der Sonne. Manchmal die Verständigungsrufe der Araber von Berg zu Berg auf weite Entfernungen. Bestohlen wurden wir da.....— die Schuhe unter unserem Bett und den zum trocknen aufgehängten Tabak vor unserer Nase. Damals gab es eine Zeit, da meinte ich umkommen zu müssen, wenn ich nicht bald europäischen Wald und europäische Wiese sehe. Doch gefiel es uns im allgemeinen dort gut. Aber die wirtschaftliche und vor allem gesellschaftliche Isolierung zwang uns, den Boden zu verlassen. Jetzt kommt eine Periode als städtischer Arbeiter: Zimmermann, Gartenpflege, Betonarbeit usw. Alles wurde gemacht. Denn, entweder war man genug geschickt, jede Arbeit, die sich bot, zu tun oder aber — Arbeitslosigkeit. Sozialismus, — wie schön war das, theoretisch in Europa darüber zu schmusen. Aber liier sah ich! Ich sah den Arbeitslosen mit Frau und vier Kindern, der monatelang nicht arbeitete und, da er endlich Arbeit bekam, am ersten Tag von seinen Chawerim nach Hause gebracht wurde, weil er sich, schon ungewohnt der Arbeit, zu viel zugetraut hatte und irgendeine Zerrung im Kreuz sich zuzog. Ich sah den Arbeitslosen, der bis abends im Bette lag, nichts aß, erst am Abend für einige Stunden aufstand, etwas zu sich nahm, um dann wieder schlafen zu gehen. Ich sah viele arbeitslose Familien mit ihren Säuglingen. Ich sah auch viele von den irrsinnig gewordenen. Ich sah aber auch die Behandlung und die Schläge, die alle diese von der Polizei bekamen, wenn sie nicht gleich auseinander gingen, wenn jene ankamen. Und heute weiß ich, was Sozialismus ist. Nach diesem Wanderleben, das ich führte, um Palästina ganz kennenzulernen, begann ich doch zu fühlen, daß diese meine Lage unhaltbar ist. Ich bin nach Palästina gekommen, um im wahrsten Sinne des Wortes zu bauen. Es kann nicht so weiter gehen. Wir wollen zum produktiven Schaffen in unserem Sinne kommen. Darum taten wir, in Deutschland Ausgebildeten und im Lande Verstreuten, uns zusammen und berieten, was zu tun, um das zu erreichen, wozu wir hergekommen sind. Daraus ist eine Ansiedlungsgruppe entstanden, die mit Hilfe deutscher Zionisten endlich zu Boden zu kommen hofft. Wir freuen uns, daß es soweit ist, und wir sind überzeugt, zu erfüllen, was man von uns erwartet. Somit beginnt ein neuer Abschnitt in meiner Arbeit in Palästina.

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