Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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nistische Führer kapitalistische Ausbeutungsprinzipien hier einführen werden. Das wäre auch unmöglich, denn der jüdische Arbeiter ist zu gut vertraut mit allen klassenkämpferischen Problemen, und es wird immer der größten Anstrengungen bedürfen, um den Primat der nationalen Forderung dem Klassenkampf voranzusetzen. Jüdische Arbeit, jüdischer Boden, jüdische Mehrheit im Lande, das ist unser Ziel. Unser Verhältnis zum Engländer ist kein gutes; für den englischen Beamten sind wir „Natives" genau wie die Araber, nur mit einem Unterschied, daß der Araber wirklich ein „Native" ist und dementsprechend dem englischen Beamten begegnet, während der Jude aufbegehrt und dem Engländer Schwierigkeiten macht. Nun mag es wohl wirklich schwer sein für den englischen Beamten, mit uns Juden auszukommen; ein kleines Beispiel, das uns Jabotinsky einmal erzählte, wird Euch das begreiflich machen. Ein abgerissener jüdischer Kleinbauer erscheint vor einem höheren englischen Beamten, um irgendeine Fuhrerlaubnis zu erhalten. Er fängt an: mein Vater ist in Kischinew geboren, er ist ein reicher Mann gewesen, und so geht es eine halbe Stunde weiter, bis dann zum Schluß in irgendeinem Nebensatz die eigentliche Forderung herauskommt. Der Engländer, längst ungeduldig geworden, lehnt ab und weist den Juden schließlich sehr schroff hinaus. Nach einem halben Jahr läuft eine Beschwerde über den englischen Beamten über das englische auswärtige Amt ein; der Jude ist nämlich ein Vetter von Herrn Morgenthau oder sonst einem (einflußreichen amerikanischen Juden, und auf dem Wege über Amerika, das auswärtige Amt und den englischen Oberkommissar bekommt der Beamte dann einen schweren Verweis über seine schlechten Manieren. Die „bad manners" der englischen Beamten sind ja bekannt, sie werden nur unter einer Bedingung besser werden, wenn der englische Beamte weiß, daß seine Karriere davon abhängt, ob in seiner Verwaltungszeit das jüdische Nationalheim Fortschritte gemacht hat oder nicht. Erst dann, wenn England seine Beamten dazu anhält, die im Mandat übernommenen Verpflichtungen wirklich durchzuführen, wenn die Karriere des englischen Beamten davon abhängt, ob er von den Juden eine gute Note bekommt, erst dann wird das Verhältnis zwischen Engländer und Jude besser werden. Zum Schluß ein kleiner Ausschnitt aus unserem täglichen Leben. Brief eines jüngeren Bundesbruders, der als Koloniearzt in einem der neuentstehenden Orangenzentren sitzt: „Wenn Ihr glaubt, daß wir allmählich in den Winterschlaf gesunken sind, so ist das eine Täuschung. Nach Kairo konnten wir aus gewissermaßen pekuniären Gründen nicht kommen, weil weder Kupas Chaloimes, noch der amerikanische Jungfrauenverein Myrthe (lies hebräisch Hadassah) seine Verpflichtungen uns Schnorrern gegenüber einzuhalten brauchte. Jetzt krepieren wir beide, mein Ehegemahl und ich, an versetzter Reise, versetztem Ausschmuß, versetztem Kino, Grammophon, versetztem Schnaps und Geselligkeit. — Hier ist es nämlich außer dem täglichen Brotärger verflucht stumpfsinnig. Seit zwei Wochen zappeln wir schon rum wegen Urlaub, Geld und Vertretung für einen Acht-Tagetrip Jerusalem, Haifa (Casparis Junges begucken), Tiberias. Eine große Ausschmußreise mit Gegenbetrachtun^. Kind, das nett, lustig und frech ist, werden wir 34