Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Kinder, außerdem muß er noch soundso viel andere Seelen ernähren, in Rußland ist er ein reicher Mann gewesen und er wird Ihnen gewiß keine Schwierigkeiten machen, — und auf die bescheidene Gegenfrage, ob er denn überhaupt Krankenwärter sei, kommt dann die Antwort (und hinter der Stirn des Antwortenden sieht man deutlich: der meschuggene Jeck): aber dazu braucht man doch keine Ausbildung, ein Jude hat doch seinen Kopf, in drei Tagen hat er doch das alles gelernt. Und ganz nebenbei: früher hat er den oder jenen Beruf gehabt, meistens sind es recht viele hintereinander, Nordausche Luftmenschen. Da in unseren zionistischen Institutionen die weitaus überwiegende Zahl der Leiter Ostjuden sind und die Besetzung der Stellen aus eben geschilderter ostjüdischer Einstellung heraus geschieht, könnt Ihr Euch ungefähr einen Begriff machen, wie es in diesen Institutionen aussieht. Aerzte, die niemals ein Krankenhaus gesehen haben, sind Krankenhausdirektoren; Leute, die irgendwo einen kleinen Kramladen schlecht und recht geführt haben, werden Verwalter großer Etats. Glaubt ja nicht, daß ich übertreibe, es ist in Wirklichkeit noch viel grotesker. Die Gegenseite sagt, daß diese Zustände unvermeidbar sind, daß wir als erstes Geschlecht im Lande mit dem Judenmaterial, das uns nun mal zur Verfügung steht, den Aufbau fortsetzen müssen, und sie weisen darauf hin, daß gegen die Zustände vor zehn Jahren vieles schon besser geworden ist. Diese Tatsache ist richtig, aber das Seiende ist noch immer für uns fast unerträglich und mit unserer Auffassung von Berufsarbeit und persönlicher Ehre so gut wie unvereinbar. Denn diese Menschen, die nun in irgendwelchen Posten sind, müsen natürlich ihre Stellung halten, da sie sonst im Wirtschaftskampf rettungslos verloren sind und die Mittel, deren sie sich bedienen, um im Sattel zu bleiben, sind selbstverständlich vom Standpunkt minimalster Ehranforderungen aus gesehen, verwerfliche. Das ist menschlich und verständlich, aber sobald wir den Kampf dagegen aufgeben, sind wir verloren, weil wir damit die Selbstachtung vor uns selbst aufgeben, und wenn wir kämpfen, sind wir auch so gut wie immer verloren und werden als Fremdkörper ausgestoßen aus dieser Masse engzusammenhängender Kletten, welche trotz aller Kämpfe untereinander, in dem Bestreben, uns zu eliminieren, geeint sind. Nun müßt Ihr nicht etwa glauben, daß ich gegen den Ostjuden irgendwelche negativen Gefühle habe, ganz im Gegenteil. Wir Westjuden allein würden in Erez-Israel überhaupt nicht vorwärtskommen, auf keinem Gebiet; denn es fehlen uns zwei Eigenschaften, die der Ostjude von Hause aus mitbringt, und das ist: ein von Hemmungen freier Elan auf der einen Seite — und die Kraft des Duldens auf der anderen. Alles, was heute in Erezfsrael geschaffen ist, ist auf Grund dieser beiden Eigenschaften des Ostjuden entstanden. Wofür ich eintrete ist also, eine Vereinigung von Ost und West, etwa entsprechend dem Zahlenverhältnis zwischen Ost- und Westjuden. Das Beste wird geleistet werden, wenn das Ordnungsferment des Westjuden die Hemmungslosigkeit des Ostjuden in feste Bahnen zwingt. Dies ist die Aufgabe des Westjuden in unserem Geschlecht. Aber diese Aufgabe ist unendlich schwer, und ich warne jeden, sich ihr zu unterziehen, der nicht eine weitgehende wirtschaftliche Selbständigkeit besitzt und auf dieser festen Basis aufrecht und unbeirrt seinen Weg gehen kann. ai