Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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zerrend oder nicht sagend. Ich stehe daher grundsätzlichen Artikeln in dieser Frage sehr skeptisch gegenüber und wähle lieber die zwanglose Form eines Briefes, um einige Gedanken, die ich mir auf Grund meines fast fünfjährige» Lebens in Palästina zu dem Thema „Wir und das K. J. V." und damit überhaupt zur Frage des Kontaktes zwischen Erez-Israei und der Galuth gemacht habe, mitzuteilen. Eines im voraus: Wir sind hier schlechtere K. J. V.er geworden, imsere Bindung an das Kartell ist etwa die von Menschen, die sich der starken Erziehungseinwirkung in früheren Epochen ihres Daseins dankbar erinnern oder die romantische Jugenderinnerungen an frohe, mit guten Freunden verbrachte Jahre haben. Kurz: wir sind hier etwa der Typus des „Alten Herren'1' einer jener Studentenverbindungen geworden, auf die unsere Fuchsmajore immer mit warnendem Finger hinwiesen und zu denen sie unser Ideal des lebenslänglich mit der Gemeinschaft verbundenen, ständig zionistisch aktiven Alten Herren in Gegensatz stellten. Das kommt wohl daher, daß neben den Sorgen des Alltags- und Berufslebens, die auch in Europa unsere Aelteren vielfach an jener gewünschten Verbundenheit hindern, bei uns die Tatsache maßgebend ist, daß wir in einem durchaus anderen Medium leben als der deutsche, noch so palästinozentrische Zionist. Und da ist es schon, das Zentralproblem, oft betont und diskutiert und doch noch nie gelöst: Der in Palästina lebende Zionist und der in der Galuth wirkende Anhänger unserer Bewegung atmen eine so verschiedene Luft, sprechen eine so verschiedene Sprache, haben eine so verschiedene zionistische Dynamik, daß Verständigung für die Gegenwart fast unmöglich erscheint. Wir — ich wähle als Typ den städtischen Intellektuellen in Palästina, da ja die Zahl unserer in der Landwirtschaft aktiv tätigen Bundesbrüder eine kleine ist und die Zahl der wirklichen Handarbeiter fast null — stehen hier im Alltag eines schweren Existenzkampfes in einem orientalischen Lande, in dem Gemische ältester und neuester Kulturen und Wissenschaftsfonnen um Verschmelzung ringen. Wir — und diesmal wähle ich die größte städtische Gruppe der K. J. V.er — in Jerusalem leben in der Realität Palästinas, die leider noch sehr unvollkommen den Hoffnungen auf Erez-Israel entspricht und müssen uns tagtäglich mit diesen Gegebenheiten auseinandersetzen. Auf den hieraus resultierenden Gegensatz von Jerusalem und Tel- Awiw, das ja in seinem ganzen Aufbau weit mehr Erez-Israel vorwegnimmt und demzufolge eine ganz andere Mentalität seiner Bewohner entwickelt, kann ich leider hier nicht eingehen, obwohl meines Erachtens dieser Gegensatz zwischen den Begriffen „Jerusalem" und „Tel-Awiw" ein sehr wichtiges und interessantes bürgerlich-städtisches Innenproblem unseres hiesigen Lebens ist. Unsere Freunde dagegen, die Galuthzionisten, sind mit gänzlich anderen Problemen beschäftigt, ihre Aufgabe, die zionistische Bewegung zu erhalten, ihr Nachwuchs zu sichern, Geldmittel aufzubringen, ist praktisch häufig viel schwerer, dagegen in ihrer psychischen Konstruktion leichter. Denn die Mehrzahl von ihnen lebt in einer ideologischen Konstruktion von Erez-Israel und arbeitet für diese, die heute noch nicht existiert oder doch nur sehr teilweise außer in Tel-Awiw in einzelnen landwirtschaftlichen Sied- 27