Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537802-3537804--7069-3545104- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
von dem Ernst ihrer Aufgabe durchdrungene Vertreter des einen oder anderen Standes hier zu haben. Sieht man sich nun im Kreis der Bundesbrüder hier um, die in freien Berufen tätig sind, so darf man mit Freude feststellen, daß der Prozentsatz derjenigen, die sich einen Namen im Land erworben haben und die die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Palästinas in dea Grenzen ihres Berufes mit bestimmen, nicht unerheblich ist. Und wenn vom Scheitern der Aliah aus Deutschland geredet wird, so sieht man eben immer wieder nur« die Arbeiteraliah aus Deutschland, vergißt aber ganz, daß es auch eine Aliah mittelständischer Elemente aus Deutschland gab, die im großen und ganzen geglückt ist. Sie ist geglückt, obwohl die Oeffentüchkeit so wenig Anteil daran nahm, daß sie vollständig übersehen wurde. Ob sie in weiterem Umfang geglückt wäre, wenn dies anders gewesen wäre, ist schwer zu beurteilen, sicher aber ist, daß eine ganze Menge an Energien, an Gesundheit, Nerven und auch an Blut gespart worden wären, wenn sich die Zionistea nur ein wenig um diese Menschen gekümmert hätten. Es ist keine Frage, daß ihre Probleme weit komplizierter sind als die des üblichen Typus des Chaluz. Es sind meistens Menschen aus der Vorkriegsgeneration des K. J. V., die in Deutschland bereits in Amt und Würden waren, eine Familie begründet und ein kleines Kapital sich erspart hatten. Wer weiß, was es schon in Deutschland heißt, sich in älteren Jahren und belastet mit einer Familie auf einen neuen Beruf umzustellen und ihn zur tragfähigen Basis für eine Existenz auszubauen, der wird ermessen können, was es heißt, in einem wirtschaftlich unentwickelten Land wie Palästina und unter viel schwierigeren Bedingungen diesen Weg zu gehen. Denn auch die beste fachliche Ausbildung in Deutschland wird es nicht umgänglich machen, eine gewisse je nach Art des Berufes längere oder kürzere Zeit der Hachscharah hier im Lande zu widmen. Denkt man z. B. an den Beruf des Rechtsanwalts, so ist keine Frage, daß man hier nicht nur auf der Universitätsbank, sondern sozusagen auf der Schulbank mit der Fibel der offiziellen Sprachen beginnen muß. Selbstverständlich vergeht in jedem Fach bis zum tragfähigen Ausbau einer Praxis eine Reihe von Jahren. Unsere Bundesbrüder, die in den Anfängen ihrer Praxis sind, leben im allgemeinen in sehr, sehr bescheidenen Verhältnissen, ihre Lebenshaltung ist der chaluzischen stark angenähert und nicht selten gehen bis zur Erreichung des Ziels Jahre der bitteren Not voran. Denn von gewissen und leider nicht häufigen Glücksfällen abgesehen, reicht das Kapital bis zur Erreichung des Ziels nicht aus und es ist höchst bedauerlich, zu sehen, wie manche Existenz hier kurz vor dem Ziel zusammenbrach, nur weil eine geringe Beihilfe zur Unterstützung der letzten Anstrengungen fehlte. Während es für den Kaufmann oder Handwerker immerhin Kreditinstitute im Lande gibt, wenn auch dieser Kredit heute noch unvollkommea sein mag, so ist der Akademiker hier völlig auf sich allein angewiesen. Der Kaufmann kann sein mitgebrachtes Kapital in Waren anlegen und bei einigermaßen tüchtiger Wirtschaft und Solidität kann er mit Kredit- 34