Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Schönfärberei weit über die Kreise des deutschen Zionismus und weit über die offiziellen Stellen hinaus verbreitet ist. Aus meinen beiden ersten Palästinajahren 1913 und 1914 ist mir noch deutlich die Rauschstimmung erinnerlich, in der sich die Touristen in der Peßachzeit befanden. Erst als nach und nach die letzten Zugvögel verschwanden und wir im ennuyierenden Sommer zurückblieben, wurde uns langsam klar, daß in Palästina leben etwas anderes ist, als Peßachfahrten in das Heilige Land zu machen. I c h sage nicht, daß diese Aufgabe mir jemals als unmöglich erschien. Ganz im Gegenteil. Ich bin heute nach lojähriger Probe viel mehr Palästinenser als Europäer und denselben Amalgamierungsprozeß hat ein großer Teil unseres Kreises durchgemacht. War es aber zweckmäßig, daß dank grundsätzlich verkehrter Einstellung zu den Problemen ein großer Teil unserer Palästinawanderer geistig oder körperlich scheitern mußte? Ich stehe noch heute unter dem schalen Eindruck des Erfurter Delegiertentages von 1925. Wie mußte man sich dort verzweifelt bemühen, die wankende Mannschaft wieder anzufeuern; wie mußte Blumenfeld immer neuen Geist produzieren, um zu beweisen, daß Palästina gar nicht das wesentliche Ziel der zionistischen Juden ist, sondern daß man sich mit immer größerer Umdrehungsgeschwindigkeit auf irgendein nebenloses geistiges Ziel zutreiben lassen muß. Ich bin sehr weit entfernt von den „Chowewe Zion" und deren Einstellung zu Palästina. Aber vom Standpunkt der Realisierung der zionistischen Ziele kommt es entscheidend darauf an, möglichst rasch und möglichst viel gesund fundierte Existenzen in Palästina und den Nachbarländern aufzubauen. Hebräisch lernen ist ein wichtiges Ziel, und ich werde mir niemals erlauben, ein Wort dagegen zu sprechen. Mit automatischer Sicherheit wird die nächste Generation in Palästina hebräisch sprechen, selbst in Petach Tikwah und Rischon le Zion. Aber vom Standpunkt der Eroberung ökonomischer Positionen ist es viel wichtiger, die Zahl der Orangenpflanzer in Judäa zu vermehren, die infolge ihres ökonomischen Fortschrittes ihren Kindern genügend Kulturgüter mitgeben können, als die idealistische Proletarisierung unserer besten Leute in der Getreidewirtschaft im Emek, wo infolge von Krankheit und wirtschaftlicher Not sogar die Entstehung einer zweiten Generation gefährdet ist. Unser bestes Anlagekapital ist unsere zionistisch erzogene Jugend. Es ist aber ein schweres Vergehen gegen den Geist jeder gesunden Politik, wenn wir dieses Kapital so ansetzen, daß es keine oder nur sehr geringe Zinsen trägt. Das ist nicht nur materiell, sondern auch geistig gemeint. In den Pionierkolonien des Emek schränkt die materielle Not auch die Entwicklung des geistigen Lebens ein, und viel geistiges Kapital geht dort vor die Hunde. So schön wie es also ist, daß wir auf der Landkarte Palästinas große Flecken mit roten Tupfen bedecken können, so unökonomisch ist diese Form der Besitzergreifung. Die Getreideböden werden von uns überbezahlt. Ihr ökonomischer Wert, gemessen an dem Zinsfuß des Landes, wird in vielen Jahrzehnten nur ein Bruchteil dessen betragen, was wir seit Jahren für sie ausgeben. Es empfiehlt sich auf diesem Gebiete eine viel nüchternere Kaufpolitik und eine viel extensivere Besiedlung, dagegen eine Konzentrierung der Bodenkäufe um die wichtigen städtischen Mittelpunkte herum und eine Verdichtung der Sied- 21