Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1929-03-01 · (März 1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
26 (1929)
Issue
(März 1929)
Date
1929-03-01
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3537599-3537802-3537804--7064-3545099
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mitbringen müssen. Das Gleiche gilt für die Gegenwart. Auch heute würde eine Immigration dieses Ausmaßes in Palästina nicht Platz finden, selbst wenn sie sich zu 100 o/0 dem Orangenbau zuwendete. Zwei Haupterfordernisse, die bei unseren Kalkulationen vergessen wurden, sind nämlich eine Voraussetzung für die Aufnahme und Verwurzelung von neuen Einwanderern im Lande: 1. Mitführung von ausreichenden Anlage- und Subsistenzmitteln, 2. Ein Entwicklungsgrad des Einwanderungslandes, der die Absorption neuer Einwanderer ohne Störung zuläßt. Daß die zweite Bedingung in Palästina nur sukzessive erfüllt werden kann, leuchtet unmittelbar ein. In geradezu grotesker Weise hat man aber die Bedeutung der ersten Bedingung unterschätzt. Zwar hat man in der Landwirtschaft durch die Beschäftigung mit der Frage der Siedlungskosten immerhin eine Vorstellung von den nötigen Summen gehabt. Anders in städtischen Berufen. Der Mangel an Verständnis für die Relation zwischen Kapitalbedarf und Zahl der Arbeiter hat hier viele folgenschwere Illusionen entstehen lassen, die Palästina teuer zu stehen kamen. Auch hier wieder einige Zahlen: Zur Beschäftigung einer Industriearbeiterschaft von 10 000 Mann, der Bevölkerung eines kleinen deutschen Industriestädtchens, sind, wenn wir mittlere Zahlen eines bereits vor 25 Jahren vorgenommenen Zensus zur Grundlage nehmen, nicht weniger wie 70 Millionen Mark investiertes Kapital notwendig, ohne die für die Betriebsführung erforderlichen laufenden Mittel! Vergegenwärtigen wir uns, daß der Kapitalbedarf in der landwirtschaftlichen Ansiedlung pro Kopf ein noch weit höherer ist, daß also für den gleichen Betrag nur eine viel kleinere Zahl von Menschen angesiedelt werden kann, dann erhalten wir ein Bild von den außerordentlichen Schwierigkeiten selbst einer Einwanderung, die sich noch weit unter den Grenzen maximalistischer Berechnungen hält. Eine geradezu klassische Darstellung dieser Situation und eine wahrhaft visionäre Erkenntnis der Möglichkeiten ist in den nachfolgenden Sätzen enthalten, die vor 30 Jahren niedergeschrieben worden sind. „Aber nicht damit allein, daß der Jude sein Brot suchen darf, ist ihm geholfen, er muß es auch finden können. Es gibt Naturgesetze, welche die Betätigung des Menschen weit mehr beschränken als künstliche Ausnahmebestimmungen. Das ökonomische Leben unserer Tage wird von so verschiedenen Faktoren bestimmt, die Entwicklung jedes einzelnen Erwerbszweiges durch so viele Umstände bedingt, daß kein Volk, auch nicht das stärkste und reichste, imstande wäre, in kurzer Zeit in irgendeinem Lande neue Erwerbsquellen zu schaffen, die hinreichen würden, Millionen Menschen zu ernähren. Die ökonomische Arbeit ist heute nicht mehr an die politischen Grenzen eines Landes gebunden; die ganze Welt ist heute ein einziger allgemeiner Markt, an dem jeder Staat nur durch rastlos mühevolle Arbeit seinen Anteil sich erringen kann. Und darum kann nur eine fast an Wahnsinn grenzende Phantasie daran glauben, daß sogleich nach der Gründung des Staates Millionen Juden dorthin strömen und das Land diesen ausreichenden Unterhalt werde gewähren können..... ____Und wenn die Juden auf einmal in Massen in ihren Staat einjwandern sollten, so läßt sich schon jetzt mit voller Bestimmtheit sagen, daß die Konkurrenz innerhalb jedes einzelnen Erwerbszweiges — die un- 19

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.