Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1929-03-01 · (März 1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
26 (1929)
Issue
(März 1929)
Date
1929-03-01
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3537599-3537802-3537804--7062-3545097
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

vielmehr ein ökonomisch völlig unbegründetes und augenscheinlich völlig unrationelles Experiment; sie forderte die Ueberführung von Stadtbewohnern der gemäßigten Zone zur körperlichen Arbeit in eine klimatisch und in jeder anderen Hinsicht schwierige Umgebung, die für die meisten der Einwanderer absolutes Neuland war. Ist man sich immer klar darüber gewesen, was allein dieser Beginn bedeutet? Ich habe wiederholt die Erfahrung gemacht, daß diese Dinge, so selbstverständlich sie sein sollten, unseren Freunden in Deutschland sehr wenig bewußt sind, wenn sie eine Beurteilung der Arbeit in Palästina vornehmen, und daß der Eindruck der Fehler und Mängel bei ihnen davon abhängt, wieweit sie mit diesen Verhältnissen vertraut sind. Es wäre töricht zu leugnen, daß es solche Fehler und in nicht geringer Anzahl gibt. In diesem Zusammenhang ganz allgemein nur dies: rfer Arbeiterkolonisation ist vor allem der Vorwurf zu machen, daß sie, die doch in erster Linie nach politischer und persönlicher Freiheit des Siedlers strebt, nicht verstand, daß diese politische Freiheit in entscheidendem Maße von der wirtschaftlichen Unabhängigkeit und Freiheit des Siedlers abhängt. Doch man hat auf der anderen Seite oft wiederum das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Die vor Einseitigkeit blinde Kritik ihrer politischen Gegner fand deshalb oft kein Gehör, weil man in ihr, vielleicht nicht mit Unrecht, jedes Verständnis für die ideellen Besonderheiten der Aufbauarbeit vermißte. Dabei sollte es doch nicht allzuschwer sein, die Zusammenhänge zu verstehen. Eine Wirtschaft, die erst durch die Verwendung arabischer Arbeiter ihre ökonomische Existenzberechtigung erhält, verliert damit ihren Sinn für das jüdische Aufbauwerk, zu dessen wichtigsten Zielen die Schaffung von freien, selbstarbeitenden jüdischen Bauern gehörte. Dieser Konflikt zwischen den Forderungen der Wirtschaftlichkeit und den im letzten Grunde ideologisch fundierten zionistischen Postulaten zieht sich fast durch die ganze Aufbauarbeit und ist eine der Hauptursachen ihrer großen Schwierigkeiten. Ich weiß nicht, wieweit es bekannt ist, daß die jüdische landwirtschaftliche Siedlung in Palästina trotz aller ihrer großen Unvollkommenheiten bei einem Vergleich mit staatlichen Kolonisationen der Gegenwart nicht ungünstig abschneidet. Aus dem Bericht des Ministerialreferenten über die preußische Innenkolonisation will ich hier nur skizzenhaft einiges zum Vergleich anführen; sie zeigt geradezu verblüffend magere Resultate, obwohl sie unter unvergleichlich leichteren Bedingungen und mit dem Hintergrund schier unerschöpflicher staatlicher Mittel vor sich ging. In dem Bericht heißt es, z. T. in Erwiderung auf scharfe Kritiken über den geringen Erfolg der Siedlung u. a.: Die Forderung, in Preußen 10 000 und mehr Siedlerstellen im Jahre zu schaffen, sei eine Utopie. Man hoffe, in Preußen etwa 1500 Siedlerstellen jährlich zu schaffen. Der Minister habe angeordnet, daß in Zukunft nur gute und bewirtschaftete Ländereien (!) gekauft werden dürften. Die Stellen müßten bereits komplettiert an die Siedler gegeben werden, damit von vornherein ein ordnungsgemäßer Betrieb gesichert sei und es dürften nur tüchtige Landwirte angesiedelt werden. Der Umfang dieses Siedlungswerkes selbst ist alles andere als imponierend, obwohl der Staat selbst intensive und unmittelbare Unterstützung 17

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.