Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Beurteilung der jüdisdiea Leistung in Palästina. Von Alfred Bonne, Jerusalem (V. J. St. jordania, München, A. H.). Ich habe mich nur schwer zu diesem Beitrag entschlossen, da der Rahmen dieses Heftes verbietet, ausführlich genug zu sein, um Mißverständnisse zu vermeiden. Da diese Bemerkungen zum Thema Wirtschaft und Politik aber auch in dieser Form die für mich lebendigsten Fragen des Zionismus berühren, glaube ich, daß ich sie trotz ihrer Kürze den Freunden in Deutschland nicht vorenthalten sollte. Es war und ist in Palästina und in Deutschland sehr beliebt, über den Wert oder den Unwert der jüdischen, d. h. vor allem der wirtschaftlichen Leistung in Palästina zu diskutieren. Ich habe mich oft darüber gewundert, wie unrationell bei diesen Diskussionen über rationelle Wirtschaft vorgegangen wurde. Weder zeichneten sich die Teilnehmer durch besondere Kenntnis der wesentlichen Daten aus, noch wurden die endlosen Unterhaltungen so geführt, daß man die Ueberzeugung bekam, es mit kompetenten Vertretern der ratio zu tun zu haben. Aber eine gerechte Beurteilung war ja meist nicht das Ziel solcher Aussprachen. Es ist einzuräumen, daß ein objektives Gesamturteil über die wirtschaftliche Leistung in Palästina außerordentlich schwer, daß es wahrscheinlich eine Unmöglichkeit ist. Dies kann vor allem all den Versuchen entgegengehalten werden, die auf eine Verdammung oder eine Verherrlichung hinauslaufen, auch dann, wenn sie sich auf Ziffern und Fakten, auf eingehendes Studium der Verhältnisse berufen. Die Art des Werkes in Palästina, seine vielfache Gestalt und Verzweigung, die Kontraste des Landes und der Menschen und der Fluß der Entwicklung, in dem sich noch alles befindet, machen Pauschalurteile unmöglich. Gilt dies gegenüber Außenstehenden, so hat auch der im Lande Wohnende in den meisten Fällen nicht die Distanz, die für eine allgemeinere Beurteilung nötig ist. Anders liegt es bei der Würdigung von Teilgebieten und Details. Hier gibt es zweifellos eine Reihe von Kriterien, die sehr wohl eine Beurteilung der Qualität der Leistungen zulassen. Für eine Schöpfung wirtschaftlichen Charakters ist das entscheidende Kriterium für ihr Gelingen naturgemäß auch in Palästina darin zu erblicken, daß sie zur wirtschaftlichen Selbständigkeit gelangt ist. Aber Palästina verlangt mehr als solche Binsenwahrheiten. Jedenfalls das Palästina, um dessentwillen wir hierhergegangen sind. Es scheint, daß dieser Punkt oft übersehen wird. Man vergißt leicht, daß unsere Idee von Palästina in ihrem Effekt eine außerordentliche Komplizierung bei der Durchführung der wirtschaftlichen Arbeit in Palästina bedeutet. Auf die Gefahr hin, oft Gesagtes noch einmal zu wiederholen, muß auch in diesem Zusammenhang betont werden, daß es sich nicht darum handelte und handelt, durch Errichtung von technisch hochentwickelten Großplantagen, Eröffnung von Fabriken und Eroberung des Orients durch billige Produktion die Handelsbilanz in kurzer Zeit höchst aktiv zu machen und einen Geldsegen in das Land zu bringen. Die zionistische Idee verlangte 16