Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Es wäre leicht, Beispiele zu häufen; man könnte politisch an die Haltung der Rundschau in der Gendarmeriefrage oder beim Problem des palästinensischen Parlaments erinnern; man könnte zeigen, daß die Konsolidierungsforderung sich einseitig gegen die Arbeiterbetriebe richtete und zionistischkapitalistische Organisationen wie die American Zion Commonwealth verschonte, aus dem opportunistischen Motiv heraus, daß ein solcher Angriff in Amerika schaden könne und könnte überhaupt die Willfährigkeit gegenüber amerikanischen Forderungen auseinandersetzen. Aber uns scheint, daß, wer mit unserer Lage vertraut ist, aus den vorhergehenden Andeutungen unseren Standpunkt entnehmen kann. Der deutsche Zionismus ist, wie es uns scheint, weit, weit abgerückt von den Grundlagen, die er früher hatte und die auch der Erziehung unseres Kartells stets zugrunde lagen. Der Wille der Regierung, der Standpunkt: der Nichtzionisten, die Feindschaft der Araber, die Geldknappheit: sie sind die bestimmenden Motive unserer Politik geworden, denen gegenüber unsere einzige Hoffnung, der ungebrochene, ganze und das Ganze wollende Zionismus immer mehr zurücktreten müssen. Und hier ist ein Exkurs unvermeidlich. Wer Dinge schreibt, wie die vorhergehenden, erhält in Deutschland die stereotype Antwort: Du bist also Revisionist. Vielfach scheint es, als sähe man in dieser Antwort an sich eine Widerlegung. Es soll deshalb einmal deutlich gesagt werden, daß nur in Deutschland die seltsame Auffassung besteht, daß Kritik an der Kleingläubigkeit mancher Teile der zionistischen Bewegung nur im revisionistischen Lager zu finden sei. Die palästinensische Arbeiterschaft z. B. und vor allem ihre hauptsächliche Partei Achduth Haawodah üben seit Jahren dieselbe Kritik am mangelnden Glauben führender Zionisten gegenüber der Verwirklichung des Zionismus. Wer die palästinensische Arbeiterpresse kennt, wird das in zahlreichen Beispielen bestätigt finden. Nur in Deutschland hat der Revisionismus jene rein politische Färbung; in Palästina erscheint er uns weit mehr als die Partei schwärzesterwirtschaftlicher Reaktion (vgl. Jabotinskys Rede in Tel-Awiw und die Haltung der Tel- Awiwer Revisionisten) und für einen entschieden linksstehenden Zionisten wie den Schreiber dieser Zeilen ergibt sich daraus klar die Gegnerschaft zum Revisionismus, zumal auch seine faszistisch eingestellte Ideologie mir weltenfern liegt. Aber es gibt eben in Wahrheit nicht nur Revisionisten und Anhänger des Brith Schalom: Die überwältigende Mehrheit der zionistischen Bewegung steht beiden Ansichten gleich fern, und bekämpft so die Auffassung, die die Verwirklichung des Zionismus nur als möglich erachtet, wenn die Regierung die Voraussetzungen schafft, wie sie der Ansicht fern ist, daß heute kein Preis zu hoch ist, um die arabische Freundschaft zu erkaufen. Was gegenüber diesen beiden Auffassungen die palästinensische Arbeiterschaft charakterisiert, ist der bedingungslose Glaube an die Verwirklichung des Zionismus, an die Erreichung einer arbeitenden jüdischen Mehrheit in Erez-Israel durch die Kräfte des Zionismus und des jüdischen Volkes. Dieser Glaube erlaubt es nicht, aus dem Zionismus ein Geschöpf von Englands Gnaden zu machen, wie es in Wahrheit der Revisionismus tut („ohne kolonisatorisches Regime ist der Zionismus nicht zu verwirklichen"), aber 9