Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 26 (1929)
- Issue
- (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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daß Jemand, der in Palästina lebt und nur bei gelegentlichen Besuchen in Deutschland wieder persönlichen Kontakt mit den führenden Menschen des deutschen Zionismus nehmen kann, gezwungen ist, seine Kenntnis in der Hauptsache auf zwei Momente zu stützen: Auf die klar vor Augen liegende Politik der deutschen Zionisten, auf Kongressen und A.-C.-Sitzungen und auf die Haltung der „Jüdischen Rundschau". Ich bin mir dabei wohl bewußt, daß die letztere Quelle insofern nicht ganz zuverlässig ist, als natürlich die Redaktion, wie jede Redaktion, weitgehend das Recht hat, und von diesem Rechte Gebrauch macht, ihre eigenen Ansichten zu vertreten, die nicht immer die Ansichten der Zionistischen Vereinigung für Deutschland zu sein brauchen. Aber, da ich hier nicht beabsichtige, bestimmte einzelne Aeußerungen der Rundschau zu zitieren, sondern ihre Gesamthaltung im Auge habe, darf ich wohl unterstellen, daß die Grundhaltung der „Jüdischen Rundschau" der Meinung der führenden Persönlichkeiten des deutschen Zionismus entspricht, die ja sonst ihre abweichende Meinung zum Ausdruck gebracht hätte. Dies vorausgeschickt muß ich zu meinem Bedauern die heutige Politik des deutschen Zionismus als eine Politik des Verzichts und des Opportunismus auf fast allen Gebieten der Arbeit bezeichnen. Die häufig genug geübte Kritik hat es verabsäumt, zwischen der Außenpolitik und anderen Arbeitsgebieten die verbindenden Fäden aufzuzeigen, die beweisen, daß zwischen anscheinend sehr fernliegenden Gebieten der Arbeit hier enge Beziehungen vorliegen, die das Ergebnis einer einheitlichen geistigen Haltung sind. Da ich vor Bundesbrüdern spreche, vor Zionisten also, die zionistisch durchgebildet sind tmd die aktuellen Fragen unserer Bewegung verfolgen, kann ich im folgenden vieles andeutungsweise sagen: Die ideologische Grundhaltung des deutschen Zionismus beruht jetzt auf einem, nach meiner Ansicht irrigen, Ausspielen Achad Haams gegen Herzl. Während in Wahrheit Achad Haams Konzeption des Zionismus nur der HerzPschen einseitig politisch orientierter Auffassung seinen Kulturgedanken hinzugefügt hat, ohne aber einen Augenblick den Grundgedanken der Mehrheitsbildung und der politischen Autonomie aufzugeben, hat man eine oft widerlegte Auffassung Achad Haams benutzt, um eine im Grunde vor-Herzl'sche unpolitische Auffassung des Zionismus zu begründen. Man zitiert zwar Weizmanns Wort vom synthetischen, Herzl und Achad Haam zu einer höheren Einheit verbindenden Zionismus, aber in Wahrheit vertritt man eine angeblich Achad Haam'sche Antithese gegen die HerzPsche These. Während Achad Haam lehrte, daß ein wirtschaftlich und politisch starkes Judentum in Palästina allein nicht ausreiche, sondern nur dann im Sinne jüdischer Geschichtsentwicklung liege, wenn es die jüdische Kultur zu neuer Entwicklung führe, glaubt man ihn richtig zu verstehen, wenn man das politische Moment bagatellisiert, wenn man den Judenstaat und den Gedanken der jüdischen Mehrheit für bestenfalls überflüssige und wirklichkeitsfremde Formulierungen erklärt und dem das Kulturzentrum gegenüberstellt, das auch von einer Minorität repräsentiert werden könne. Es ist nicht bloß gedankliche Konstruktion, was zu diesen Ergebnissen führt: Es ist vielmehr dasErgebnisderzionistischenWirklichkeit 7