Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 8 (Dezember 1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Stets ist mit der wirtschaftlichen Struktur der gesundheitliche Zustand einer Geseilschaftsschicht eng verknüpft, so daß bei allen Fortschritten der Hygiene auch heute noch kein Mittel den Gesundheitszustand einer Schicht besser gewährleistet als eine glückliche wirtschaftliche Lage. So ist jedem ärztlichen Betrachter der mangelhafte Gesundheitszustand weiter Kreise der jüdischen Jugend unverkennbar. Er besteht, obwohl infolge» des Fehlens eines statistischen Materials heute noch nicht einwandfrei zu belegen, ohne Zweifel im Vergleich zur nichtjüdischen Jugend, vielleicht aber auch im Vergleich zu der jüdischen Jugend früherer Zeiten und ist in erster Reihe eine Folge der wirtschaftlichen Depression. Was aber diese noch nicht erreichen konnte, das bewirkt die zunehmende Konzentrierung der Judenheit in die Großstädte, die vor sich geht, ohne daß der jüdischen Jugend in ausreichendem Maße die Abhilfe zuteil wird, die der nichtjüdischen einen so weitgehenden Ersatz des naturverbundenen Landlebens gibt: der Ausgleich durch Leibesübungen und zweckmäßig angewandte Freizeit. Ist so die körperliche Not unserer Jugend eine Folge der äußeren Situation, so ist die geistige Not im wesentlichen begründet im Verlust der seelischen Wurzelhaftigkeit. Es soll nicht übersehen werden, daß es sich hier um eine Zeiterscheinung handelt, die nichtjüdische Kreise in nicht viel geringerem Maße erfaßt als uns. Bei uns sind aber die Folgen unvergleichlich ernster. Das zeigt am besten die Zahl der Selbstmorde. Sie betrug auf 100 000 Köpfe der Bevölkerung im Jahre 1925 bei den Katholiken Preußens 13,5, bei den Evangelischen 27,0, bei den Juden 53,2. Eine solche Zahl von seelisch Zermürbten, die obendrein bei der bekannten jüdischen Scheu vor der Bekanntgabe eines Selbstmordes sicher nicht im entferntesten die tatsächlichen Verhältnisse trifft, ist nur möglich bei vollständigem Verlust jener seelischen Richtkräfte, die auch im wirtschaftlichen und körperlichen Elend den Betroffenen aufrecht zu halten vermögen. Drei Gruppen solcher seelischen Kraftzentren kom :en zur Zeit für unsere Jugend ernstlich in Frage. Es ist einmal die Gesetze^treue, die auch jetzt noch einen Teil der werdenden Generation richtunggebend beeinflußt; esist weiter die bewußte und gewollte jüdische Volksgemeinschaft, die. im Zionismus ihren klarsten politischen Ausdruck findet; es ist schließlich die Ideoe des Sozialismus oder Kommunismus, die Heute einen Teil der proletarisierten oder noch nicht proletarisierten Jugend wegweisend erfüllen kann. Ob noch andere Ideen imstande sind, wesentliche Teile der jüdischen Jugend aufrichtig und voll zu erfüllen, ist zweifelhaft. Daß der parteierfüllte Jugendliche sich nicht leicht dazu verstehen wird, die Zugkraft anderer Ueberzeugungen als seine eigenen anzuerkennen, ist verständlich. Dem besonnenen und besorgten Betrachter der jüdischen Gegenwart aber liegt es ob, ohne Für und Wider diejenigen magnetischen Kräfte zu betrachten, die die schwankende Nadel der jugendlichen Seelenströmungeii in eine feste Richtung einzustellen vermögen. Aufs neue bekommt die Fabel von den drei Ringen Gegenwartsbedeutung. Wieder wissen wir nicht, in wessen Ring die Zauberkraft versteckt ist, aber die Zuversicht, daß einer dieser drei geistigen Bewegungen die Zukunft des Judentums anvertraut ist, soll den Bekennern aller drei in gleichem Maße Kraft und Willen stärken. 19