Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 8 (Dezember 1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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und dem Weg zu ihrer Behebung gesprochen wird. Und wenn von jeher Wohltun ein jüdischer Grundcharakter war, so muß Wohltat da, wo sie am nötigsten und erfolgreichsten, wo sie für unser eigenes Schicksal von entscheidender Bedeutung ist, höchstes Gebot derer sein, denen die Ehre des jüdischen Namens ein Bedürfnis des Herzens ist. Es besteht heute eine jüdische Jugendnot von bisher nie gekanntem Ausmaß. Weil sie nicht, wie zu anderen Zeiten jüdischer Not, nur in ein oder zwei Ebenen der Lebensführung sich auswirke, sondern zu gleicher Zeit in allenvier Gestaltungen des Daseins sich drückend bemerkbar macht. Es ist eine Not in wirtschaftlicher, gesundheitlicher, geistiger und sittlicher Hinsicht Sie im ganzen Ausmaß aufzuweisen, ist nicht zu umgehen, wenn Abhilfe gesucht werden soll. Dem fernstehenden «Beobachter wird eine wirtschaftliche Not der Juden — zumindest für Deutschland — unglaubhaft erscheinen. Um so ernster ist das Problem denen, die — ungeblendet durch den Reichtum einzelner Kreise — den Gesamtstatus der Juden betrachten. Auch wenn hier die Wirtschaftskrisis Polens, die Expropriierung des russischen Kleinbürgertums unberücksichtigt bleiben und immer nur die Verhältnisse in Deutschland betrachtet werden sollen, so zeigt allein die ständig ansteigende Zahl der Hilfsbedürftigen in den jüdischen Großgemeinden Deutschlands, wie sehr auch in wirtschaftlicher Beziehung jene Regel ihre Bestätigung findet, nach der die Juden in jeder soziologischen Hinsicht besonders empfindliche Gradmesser für die Verhältnisse ihrer Umgebung sind. Die Zuwanderung wirtschaftlich verelendeter jüdischer Familien aus dem Osten — durch die genügend bekannte Urnschichtung der Kriegs- und Nachkriegszeit bedingt — drückt das Niveau des jüdischen Wohlstandes und belastet die wohltätigen Institutionen ständig mehr. Kein menschlich fühlender, auch nicht der sich lediglich als deutscher Staatsbürger betrachtende Jude kann die Verpflichtung der Fürsorge auch für diese Teile der Judenheit leugnen. Worauf den Gesetzestreuen die Zedakah, den menschlich Denkenden das Mitgefühl mit den Aermsten und von den allgemeinen Fürsorgeeinrichtuugen Ausgeschlossenen hinweist, dahin wird den kühl Betrachtenden die einfache Ueb-erlegutig führen: daß es sich hier um eine Frage jüdischer Ehre handelt; daß die primitivste Forderung nach Achtung bei den anderen so lange von uns ohne Berechtigung gestellt wird, als uns die Selbstachtung, das Mitverantwortungsgefühl für jeden Juden, als Wurzel der Selbsthilfe fehlt. Was die Katastrophe der Kriegs- und Nachkriegszeit durch Verarmung und Entstaatlichung weiter jüdischer Kreise herbeigeführt hat, wird kein erneuter Aufschwung des Wirtschaftslebens der abendländischen Nationen wieder voll rückgängig machen können. Auf Jahrzehnte hinaus wird die Zahl der Arbeitnehmer das Maß der vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten so weit überragen, daß der Masse der gesamten und besonders der jüdischen Mittel- und Unterschicht der Platz an der Sonne versagt bleiben muß. Immer beschränkter wird die Zahl der selbständigen Existenzen. Die aus der wirtschaftlichen Not zwangsläufig neubelebte antisemitische Bewegung und das daraus entspringende Umsichgreifen des Ausschlusses der Juden aus den Berufen der Beamten und Angestellten werden weiterhin das Ihrige dazu beitragen, daß Hilfe von außen nicht zu erwarten ist. 18