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Der jüdische Student · 1928-12-01 · Heft 8 (Dezember 1928) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
25 (1928)
Issue
Heft 8 (Dezember 1928)
Date
1928-12-01
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
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Freud sagt, wenn seine Erwartungen hinsichtlich der Erfolge einer sich allein auf den Primat des Intellekts stützenden religionslosen Erziehung sich als eine Illusion erweisen sollten, dann würden er und seine Gesinnungsfreunde das Interesse an Welt und Leben darum doch nicht verlieren. Diese seine Zuversicht dürfte ihn täuschen. Wenn erst die einen gewissen neuen Lebensreiz erzeugende Gegensätzlichkeit gegen die Religion mit dem Hinschwinden der letzteren erledigt und der etwas seltsam anmutende Wahrheitsfanatismus unserer atheistischen Vorkämpfer gegenstandslos geworden sein wird, wenn dann weiter die steuerlos gewordenen menschlichen Triebe das Leben in ein Chaos umgewandelt haben werden, dann wird, wie wir vermuten dürfen, ihm und all seinen besser empfindenden Gesinnungsfreunden der Geschmack am Leben gründlich verdorben sein. Alle Fortschritte der Wissenschaft und alle Triebe zu ihr würden das nicht verhindern können. Im übrigen ist es nur zu wahrscheinlich, wenn nicht sicher, daß die Wissenschaft in den allgemeinen Verfall des menschlichen Lebens mit hineingezogen wird, einmal weil überhaupt alle idealen Antriebe außerordentlich geschwächt sein werden und — last not least — weil mit der ernstlichen' Aufgabe des Glaubens an einen Sinn des Lebens im ganzen, falls sie allgemein und dauernd wäre, auch der stärkste Anreiz geschwunden sein wird, die äußersten Bemühungen aufzuwenden, um die Totalität der Wirklichkeit immer tiefer zu erforschen und zu erfassen. Von allen Seiten her drängt sich uns die Erkenntnis auf/daß die Religion als der eigentliche Träger und das stärkste Förderungsmittel der Kultur angesehen werden muß. Dies gilt auch von dem Verhältnis der Religion zur wissenschaftlichen Kultur. Wohl kann die Religion in ihrer besonderen Form zeitweilig stark auf die anderen Seiten des Kulturlebens, insbesondere die Entwicklung der Wissenschaft, drücken und die richtige Erkenntnis hemmen und aufhalten, insofern diese ihren Glaubensvorstellungen zuwiderläuft. Die Wissenschaft wird dann heftig befehdet werden, wobei sich, beiläufig bemerkt, besonders deutlich zeigt, wie sehr die Religion als zentrales Bedürfnis des Menschen empfunden wird. Mit solcher Belästigung der Wissenschaft ist es aber wohl ein für allemal vorbei. In der Gesamtheit des Kulturprozesses jedoch liegen die Dinge offenbar so, daß die Religion alle Kulturgebiete in sich einbezieht und dadurch mit ihrem warmen Blute nährt — man denke an die Kunst, die Moral und die Festigung der Grundlagen des Staatswesens — und, daß sie, soweit es sich nicht nur um angewandte Wissenschaft handelt, den letzten und stärksten, offenbaren oder geheimen Ansporn zu der auf die Totalität der Wirklichkeit abzielenden wissenschaftlich-philosophischen Forschung bildet. Da die Religion auf ihrer höheren Stufe die Moral als unabtrennbar zu ihr gehörig und damit auch die Wahrhaftigkeit als Kultundeal in sich aufgenommen hat, muß sie, trotz mancher gelegentlichen Hemmungen, der Wissenschaft überhaupt in hohem Grade förderlich sein, während umgekehrt mit der Religion nicht nur einer der stärksten Anreize zum Forschen schwindet, sondern auch das durch sie sanktionierte und mit ihrem Blut genährte Wahrhaftigkeitsideal und also der wissenschaftliche Idealismus infolge des Aufwärtsdrängens und Vorherrschens niederer, elementarer Triebe zum Verblassen gebracht und so die Wissenschaft, die rein um des bloßen Erkennens willen getrieben wird, 16

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