Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 8 (Dezember 1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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seinen gesunden Instinkten und moralischen Trieben,, die auf Lebenssicherung und Lebensförderurig-ausgehen, leiten lassen nudi. Wir werden uns daher, bis uns die Wissenschaft einmal das Gegenteil unwiderleglich dartut. mit Entschiedenheit dagegen wehren, etwas für wahr oder auch nur für wahrscheinlich zu halten, was den weiteren Aufstieg des Lebens gefährdet oder gar seine Grundlagen uniergräbt. Wir glauben allerdings nicht, daß die Wissenschaft irgend einmal irgend etwas wird beweisen können, was unsere religiöse Grundüberzeugung vom Sinn des Lebens naizustürzen geeignet sein könnte. Und eben darum glauben wir auch, daß die Wissenschaft getrost in die geheimsten Winkel der Welt und des Lehens hineinleuchten darf und soll. Wir meinen sogar, daß es im ganzen nicht schaden kann und wird, wenn ein wissenschaftlicher Forscher einmal eine die religiöse Grandüberzeugung negierende Anschauung vertritt. Gerade dies wird zum erneuten Ansporn werden, um immer tiefer nach der Wahrheit zu graben und den Kulturprozeß im ganzen zu fördern. Insofern haltest auch wir mit Freud das. was er in seiner Schrift vertreten zu müssen glaubte, „für völlig harmlos und ungefährlich". Man erklärt die naturalistische Vvdit- und Lebensauffassung oft genug für überwunden, es kann aber nur nüidich sein, wenn die Welt wieder einmal daran erinnert wird, daß dies doch nocBi nicht so ganz der Fall hL Wir sagten eben, Freud sei bei seiner Forschung um das Ganze des Lebens ein wenig zu unbekümmert. Wir wollen aber nicht ungerecht erscheinen und müssen uns daher etwas korrigieren Freud ist nämlich nun einmal überzeugt, daß die Religion unrettbar verloren sei, und möchte gerade durch „Erziehung zur Realität" und den damit verbundenen Iinweis auf die Lebensnotwendigkeit sozialen Empfindens und Handelns verhütet sehen, daß die Moral mit der Religion mit in den Abgnisnd gezogen werde. Er hofft, daß die asozialen Triebe durch den sich zsrar schwer und langsam, aber zuletzt doch notwendig durchsetzenden Primat des Intellekts werden bezwungen werden können. Wie steht es aber in Wirklichkeit mit dem Intellekt und seiner Einwirkung auf unsere ^illensentseheidung? Tatsächlich werden Triebe niemals unmittelbar durch den Intellekt, sondern niedere Triebe werden durch höhere bezwungen, die ihre besondere Form unter dem Licht des Intellekts angenommen haben mnd noch annehmen, oder auch umgekehrt. Glaube ich. also an einen Sinn des Lebens und darum auch an einen Sinn des Gemeinschaftslebens und des gaszen Kulturprozesses, dann stärken sich von hier aus jene höheren Triebe, düe in den sozial-ethischen Idealen ihren Ausdruck finden. Glaube ich aber nicht an einen solchen Sinn'— und Freud sagt wiederholt, das Leben sei schwer zu tragen —, dann kann der Intellekt der wertvolleren Menschen, nan mit Schopenhauer zu sprechen, nur zur Verneinung des Willens zum Leben kommen, während er bei der Masse nur zur Verkümmerung und Auflösung des moralischen Lebens führen kann. Kur durch Inkonsequenz und verführt durch die Macht elementarer Triebe uad ihrer Illusionen kann aueh der tefcellekt der Besseren d wa kommen, das Leben zu bejahen und dann, in vermehrter Anfechtung-, den besseren angeerbten Trieben zu folgen. Der Intelekt an und für sich also bietet keinerlei Bürgschaft dafür, daß die von keker religiösen Grundüberzeugung getragenen sozial-ethischen Ideale sich behaupten oder gar befestigen und allgemeiner durchsetzen werden. 15