Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 8 (Dezember 1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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durch unsere Empfindungen und Vorstellungen gegeben sind. Warum also muß das Naturgewad »ene verrückt und gewaltsam an seiner natürlichen Entfaltung gehindert und so der ganze Lebensbaum der Fäulnis preisgegeben werden? Nein, eine religionslose Menschheit wäre nicht, wie Freud meint, von einer Zwangsneurose befreit, sie hätte ihr Auge nicht der wahren, Realität geöffnet, sie wäre vielmehr in Wirklichkeit seelenkrank geworden und müßte an ihrer Tcdcswunde elend zugrunde gehen. Wir leben in einer Zeit, in der die Religion wie überhaupt alle menschlichen Anschauungen, Sitten und Verhältnisse einer tiefgehenden Umwälzung unterliegen. Solche Zeiten erschüttern das religiöse und moralische Bewußtsein, besonders der Massen, außerordentlich. Wir haben das im letzten Kriege und noch weit mehr nach demselben schaudernd erlebt. Die Philosophie zeigte schon vor dem Kriege ein wachsendes Verständnis für die hohe Bedeutsamkeit, das Recht und die Notwendigkeit der Religion. Wenn dies heute in noch höherem Grade der Fall ist, wenn man heute von neuem um eine Metaphysik ringt, so haben die gemachten traurigen Erfahrungen ganz gewiß nicht zuletzt dazu beigetragen. Die Menschheit braucht Religion wie das liebe tägliche Brot. Der Widerspruch gegen die Religion in der neueren Zeit wird sehr wesentlich durch ihre Anfechtbarkeit in der überlieferten Form gespeist. Nehmen wir aber an, die Religion wäre gänzlich geschwunden, dann würde nicht nur infolge der Fäulniserscheinungen der Religionslosigkeit, sondern auch, weil nun der Widerspruch gegen die Religion keinen Anreiz mehr hätte und völlig gegenstandslos geworden wäre, das Sehnen nach Religion zumal in den besseren Menschen mit elementarer Gewalt von neuem hervorbrechen. Ja, tiefere Geister würden, allein schon ergriffen von der noch immer uhenthüllten Rätselhaftigkeit des Daseins und seiner tausend Geheimnisse und überwältigt von der Idee des Unendlichen, es nicht begreifen, warum es überhaupt nötig erscheinen und wie es mog-. lieh sein konnte, an einem Sinn des Lebens und der Welt zu verzweifeln und' sich von der Religion abzuwenden. Freud ist gewiß ein ernster und verdienter Forscher, er hat zur Aufklärung des dunklen weiten Reiches des Unbewußten manchen dankenswerten Beitrag geliefert und mag — aber das müssen Fachleute beurteilen — durch sein psychoanalytisches Heilverfahren dem menschlichen Leben im einzelnen manchen .Dienst erwiesen haben. Aber uns will doch scheinen, daß er in seinem ungestümen Forschungsdrang um das Leben im ganzen zu unbekümmert ist, er würde sonst nicht nur im Vorbeigehen von dem möglichen Recht eines uferlosen, unbegrenzten Skeptizismus reden (vgl. S. 54—55). Ein Skeptizismus, der die Grundlagen des Lebens benagt, ist dazu da, überwunden zu werden. Nie -dürfen wir vergessen, daß die Wissenschaft nach ihren letzten und eigentlichen Motiven dem Leben zu dienen bestimmt ist. Würde Freud aber sagen — und wir unsererseits glauben es — daß die Wahrheit, sie nehme sich im Augenblick aus, wie sie wolle, zuletzt dem Leben schon dienen werde, dann würde er es aus einer Grundstimmung1 und Ueberzeugung heraus tun, die von seinem Standpunkt aus nicht recht begreiflich wäre. Wir meinen, daß das Leben nicht warten kann, bis die Wissenschaft einmal fertig sein wird, und daß es sich darum bis dahin, getragen von dem aus ihm selber geborenen Glauben an seinen Sinn, von 14