Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 8 (Dezember 1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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eine Verzerrung', sondern die der Situation des Menschen vollkommen entsprechende Entfaltung seines Wesens. Die Uebel des Lebens lassen sich durch den Fortschritt der Kultur wohl bekämpfen und einschränken, aber, wie z. B. der Tod, nicht beseitigen. Gibt also der Mensch die Religion auf, so ist sein natürliches, seiner Lage allein angemessenes und eben darum gesundes seelisches Wachstum gehindert. In seiner Seele ist ein unheilbarer Bruch eingetreten, ein klaffender Riß hat sich gebildet, der nicht mehr geschlossen werden kann. Und mehr als dies: sein Leben, als Ganzes betrachtet, ist sinnlos geworden. Er fühlt wohl weiter die Stärke des Selbst- . erhaltungsinstinkts, die zähe Gewalt des Hangens am Leben, aber den Glauben an die innere Berechtigung dieses Lebeusdranges hat er verloren. Das Leben im ganzen erscheint ihm als etwas in seiner Wurzel Widervernünftiges, er weiß nichts mehr mit ihm anzufangen, er weiß auch nicht mehr, mit welchem Recht er angesichts der Sinn- und Ziellosigkeit des Lebens im ganzen und der oft so drückenden Schwere desselben Kinder zeugt und wozu-dies Leben überhaupt fortgesetzt werden soll. Das im Lichte der Religion vertrauensvoll vorwärts und aufwärts gerichtete Kulturstrcben des Menschen wird hier an seiner Wurzel zernagt und zerfressen. So muß in dem edler veranlagten Menschen das sinnlos gewordene Leben als Motiv zur Abwendung vom Leben wirken, und dies um so mehr, je mehr in den nun steuerlos gewordenen Menschenmassen unvermeidlich und immer widerlicher Fäulniserscheinungen hervortreten, und dies wiederum muß zur Folg'e haben, daß das mehr und mehr dem Einfluß der minder wertvollen Elemente überlassene Leben immer tiefer sinken und verfallen muß. Denn das. ist nicht zu hoffen, daß die Massen bei der Stärke des Selbsterhaltungstriebes, des Fortpflanzungstriebes und bei den durch beide und die Schwäche des Intellekts genährten Illusionen sich nach dem Beispiel der Besseren 'vom Leben abwenden werden. Was aber sollten die Besseren anderes beginnen, als dem Leben den Rücken zu kehren? Religionslosigkeit heißt ja nicht nur Sinnlosigkeit des Lebens im allgemeinen, sondern auch des sittlichen Lebens im besondern. Was soll der oft so unendlich schwere Kampf für den fortschreitenden Sieg des Guten, wenn es nichts in der Welt gibt, was für einen solchen Fortschritt bürgt? Das moralische Gefühl, in eine Weit des Chaos, des blinden, wenn auch an starre Gesetzlichkeit gebundenen Zufalls mittenliineiugestellt, muß notwendig erschlaffen, muß lenden- und flügellahm werden. Ja, im Hinblick auf die nun nach dem Schwinden der Religion in der Masse der Menschen noch fesselloser gewordene Macht der elementaren Triebe muß •auch der bessere Mensch all seine Bemühungen für den Sieg des Guten als völlig hoffnungslos erkennen, und den Kampf als aussichtslos aufgeben. Das ererbte moralische Kapital der Menschheit, das besonders seit der engeren Verbindung von Religion und Moral gewonnen und gesteigert worden ist, wird so nicht nur nicht weiter vermehrt werden oder auch nur erhalten bleiben, es wird vielmehr notwendig sich andauernd herabmindern. Freud selbst sieht wohl die moralischen Gefahren, die mit dein Schwinden der Religion notwendig eintreten müssen, er hegt aber eine mit nicht ganz leisen Zweifeln untermischte Hoffnung, daß es vielleicht doch möglich sein werde, diesen Gefahren -entgegenzuwirken. Man weiß nur nicht recht, wo mau die 12