Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 8 (Dezember 1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537794-3537801--6981-3545015- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
heit wird durchgehende der Hort der sittlichen WeUordnung, das Weltprinzip, das die Menschheit sittlich immer weiter aufwärts führt, denn ihr eigenes, innerstes Wesen erscheint nunmehr mit der Welt des' Sittlich ein durchgängig verbunden, sie erscheint als der heilige Herd, als der erhabene; Urquell alles Sittlichen. Im Zusammenhang mit der allgemeinen Kulturentwicklung muß auch, sagten wir, die Religion sieh verändern und entwickeln und da kann die Philosophie nicht ausgeschaltet werden. Freud ist auf die Philosophen nicht gut zu sprechen, er wirft ihnen vor, daß sie auf Grund von Begriffsverrenkuiigcn die Religion stützen, indem sie irgendeine Abstraktion, die mit dem religiösen Gott nichts mehr als den Namen gemein hat, doch so nennen. In manchen Fällen mag dies zutreffen und wird eine Irreführung auch in guter Absieht verurteilt werden müssen. Die Sache bedarf jedoch ein wenig der Klärung. Für die Philosophie besteht mehr als ein Grunde zur Religion Stellung zu nehmen. Einen nennt Freud selbst: die Gemeinsamkeit des Kulturbodens bleibt so zum Wohle aller am besten erhalten. Ein anderer ist der, daß auch im einzelnen Menschen die innere Einheit des Bewußtseins gewahrt, der Zwiespalt zwischen Vernunfterkenntnis, und religiösem Glauben vermieden werden muß. Endlich begegnet die Philosophie, die eine Erkenntnis der Totalität der Wirklichkeit anstrebt, auf ihrem eigenen Wege der Religion, mit der sie sich notwendig auseinandersetzen muß. Aufgabe der Philosophie ist: Erfassung der Totalität der Wirklichkeit durch unser Erkenntnisorgan. Ob Erkenntnis lediglich durch Sinneserfahrung und logisches Denken gewonnen werden kann oder ob auch durch Intuition,', Ekstase oder .sonst auf einem mystischen Wege, kann hier nnerörtert bleiben. Das Streben nach Erkenntnis der Wirklichkeit ruht wohl zunächst auf einem bloß theoretischen, rein scientifischen Interesse, hängt aber doch von Hause aus mit praktischen Motiven innerlich zusammen: der Mensch will die Welt kennen, in der er lebt und sich bewegt, und aus der heraus Kräfte zu seinem Heil oder Unheil auf ihn wirken. In ihren letzten Motiven also berührt sich die Philosophie mit der Religion. Sie muß sich allerdings sorgfältig davor hüten, die Erkenntnis durch diese praktischen Motive fälschen oder trüben zu lassen, insofern sie wirklich Erkenntnis bleiben will. Findet sie aber so den Weg zu einer Anschauung von der Wirklichkeit, die der religiösen verwandt ist, dann ist es nur zu begrüßen, wenn sie aus den schon angeführten Gründen Fühlung mit der bestehenden Kulturreligion sucht. Ist dies um der Wahrhaftigkeit und der Reinlichkeit der Verhältnisse willen nicht mehr möglich, dann ist dies eben ein Zeichen,, daß die Religion vor der Notwendigkeit steht, sich umzugestalten. Das Grundmotiv der Religion muß freilich durch alle Wandlungen erhalten bleiben. Kann eine Philosophie diese Aufgabe nicht erfüllen, dann muß sie in Verbindung mit der Religion in der Tat einen Bastard zeugen, der auf der einen Seite die wahren Züge der -religiösen Gottheit verzerrt und auf der anderen einen schillernden, irreführenden Begriff in die Philosophie einführt. Freud sagt, wenn die Religion unter dem Einfluß der Philosophie sieh auf die Behauptung eines höheren geistigen Wesens beschränkt, dessen Eigenschaften unbestimmbar und dessen Absichten unverkennbar sind, dann sei sie wohl gegen den Einspruch der Wissenschaft gefeit, die eine solche 10