Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 6-7 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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und teuer, da!) nur Deutschland, Frankreich usw. ihr Vaterland sei, sie glauben es selbst. Aber was soll man von dem Patriotismus du:!;;... der ein von Gott zugeteiltes Erbland gleichgültig aufgegeben hat tm J sich nun an ein Adoptiv-Vaterland anzuschließen sucht, bloß um sich nie!;: wie in der Veibaniumg unbehaglich fühlen zu müssen?*' So ergibt sich zwangsläufig die Stellung des christlichen Staates /u den Juden. „Juden und alle Ungeteilte können im christlichen Stalle nur Beisassen sein.'* Wagener macht eine Unterscheidung zwischen Bürgern und Staatsbürgern. „Nicht das auf die religiös-nationale Einheit gegründete Staatsbürgerin! mit seinen politischen Rechten, wohl aber die Bürgerschaft, mit ihren zivilen Rechten möchten wir den Juden beigelegt sehen/1' Er fordert den Ausschluß der Juden von allen „Aemteru mit wirklich o b r i gkeitlicher Befugnis". — Aus diesen Darlegungen können wir also ersehen, wie es in einer bestimmten Periode der allgemeinen politischen Entwicklung, die etwa mit der Reichsgründung — 1S71 — zum Abschluß lonunt, unmöglich ist (vom konservativen wie vom jüdischen Standpunkte aus), die Juden oder eindeutig bestimmbare Kollektiv-Gruppen von ihnen dem Konservativismus zuzurechnen. Wenn es Juden gegeben hat, die sich als Konservative bekannten und betätigten und auch — das ist das Entscheidendet —- anerkannt wurden, wie etwa Julius Stahl, der hervorragende konservative Partei-Ideologe, so handelte es sich immer um Einzelne, soziologisch Entfremdete und Vereinsamte, „sozial freischwebende Intellektuelle'' (ein Ausdruck Alfred Webers), die in hervorragendem Maße an dem Werden des konservativen Denkens beteiligt sind. — Wir haben nunmehr darzulegen, wie sich das Verhältnis der Juden zu den konservativen Gruppen in der neueren Zeit seit 1S70 und in der Gegenwart gestaltet. Bisher waren es, wie wir sahen, in der Hauptsache rein weltanschaulich-ideologische Faktoren, die die soziologische Position der deutschen Juden, insbesondere auch1 in bezug auf die konservativen Parteien (christlicher Staat!) bestimmten. Es erfolgt nunmehr in Verfolg des großen „Prozeß der religiösen Entzauberung der Weif' (Max Weber) parallel mit dem großen wirtschaftlichen Aufschwung des geeinten Deutschlands, mit der sich in rasendem Tempo vollziehenden kapitalistischen Entfaltung, eine Transformation des gesamten politischen Denkens, eine Umwertung aller Werte. Die politischen Parteien verwandeln sich aus Weltanschauungsparteien in immer stärkerem Maße in reine Interessenparteien. Die deutschen Juden stehen inmitten dieses gegewaltigen, alle Schichten des Volkes aufwühlenden Umwandlungsprozesses, ihre soziologische Position transformiert sich ebenfalls in entscheidender Weise. Als ausgesprochenes bürgerliches Miltelstandsvo'.k, als das Volk der Händler und anderer vermittelnder Zwischenberufe, waren sie besondere prädestiniert, an der kapitalistischen Entfaltung teilzunehmen. Sie sind jeduh — was von Max Weber ganz scharf herausgearbeitet worden ist — nicht Repräsentanten des historisch gewordenen, rational-organisierten Betriebsuiid Arbeitskapitalismus, sondern eines spekulativ orientierten Abenteurer- und Paria- Kapitalismus. Unter diesen Voraussetzungen ergibt sich zwangsmäßig die Stellung der Konservativen zu den Juden. Wir VJ