Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 6-7 (November 1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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so größerer Entschiedenheit und Leidenschaftlichkeit gegen den Zionismus wenden. Die Ideologie eines ,.politischen** Zionismus sollte doch aber, wie wir meinen, zugkräftig; und nicht das gerade Gegenteil sein, bie sollte die Abseitsstehenden gewinnen und nicht unüberwindliche Widerstände in ihnen entfesseln. Strauß' Ideologie ist also den wirklichen Verhältnissen in keiner Weise angemessen. Heute kommt sie sicher zu früh. Ob sie später einmal, nach etlichen Generationen, auf ihr günstigere Verhaltnisse treffen wird, bleibt abzuwarten, aber der Zionismus wird bis dahin nicht warten wollen und nicht warten können. Um zugkräftig zu sein, muß unsere Ideologie nun aber, nicht nur mit der gegenwärtigen psychischen Verfassung des jüdischen Volkes rechnen, sie muß sich auch notwendig als eine Entwicklung aus der bisherigen äußeren und jnneren Geschichte des jüdischen Volkes ergeben. Der Zionismus kann ja nur als historische Bewegung Aussicht auf Erfolg haben, und aus historischen Faktoren kann er auch nur seine Ideologie ableiten. Der Zionismus muß daher an den geschichtlichen Erlösungsglauben des jüdischen Volkes anknüpfen, der, wie ich in meiner Schrift „Das Judentum am Scheidewege" auf Grund einer eingehenden historischen und psychologischen Analyse! dargetan habe, in dem starken Lebenswillen des jüdischen Volkes und in dem Glauben an seine Berufung wurzelt. An diesen Erlösungsglauben und an den in diesem Glauben latenten Lebenswillen kann die Ideologie „ des Zionismus nur anknüpfen, und sie hat es ja auch getan, indem sie \ erklärte, die Befreiung des jüdischen Volkes aus der Enge herbeiführen! und also mit anderen Worten die Normalisierung des jüdischen Lebens in die Wege leiten zu wollen, womit sich in Anlehnung an den alten Bcrufungsglauben die Hoffnung verband, daß das jüdische Volk mit seinem Wiederaufbau der Menschheit auch künftig neue hohe Werte werde schenken können. Selbst Nordau, der religiösem Denken persönlich fernstand, hat den Zionismus nie anders aufgefaßt, wie er auch, vollkommen zutreffend, in einem Briefe au mich den Zionismus „modernisierten Messianismus" genannt hat. Wie unumgänglich notwendig die Anknüpfung an die historisch |egebenen Faktoren ist, hat noch jeder erfahren, der in die lebendige itdische Volksbewegung unserer Tage wirksam eingreifen wollte. Für Kloses Heß, der, wenn auch dem Westen angehörig, die alte Tradition -3och gut kannte und ihren hohen Wert gebührend zu schätzen wußte, 'är Heß war das historische Zionsideal und die Wiederanknüpfung an 3e alte ICultur etwas ganz Selbstverständliches. Pinsker, der, obwohl ii Osten lebend, bereits weitgehend assimiliert war, und Hcrzl, für den ies> ehe er der Wiedergeburt seines Volkes das Wort redete, erst recht ilt, empfanden Zionsideal und Anknüpfung an die alte Kultur nicht rieich als selbstverständlich, sie nahmen jedoch beides sofort auf, als £ mit der lebendigen Volksbewegung, wie sie Smolenskin und weiter die iHhbath Zion geschaffen hatten, Fühlung gewannen. Im Westen, wo jüdische Tradition und Kultur zum größten Teil bereits versunken mußten die politischen Motive naturgemäß zunächst allein im Vorder- 11