Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1928-11-01 · Heft 6-7 (November 1928) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
25 (1928)
Issue
Heft 6-7 (November 1928)
Date
1928-11-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3537599-3537794-3537800--6919-3544952
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sondern auf das Volk selbst, auf seine Arbeit und auf sein Land zu stellen. Freud habe in. einfachen und klaren Worten* die Religion als eine real unbegründete und für die Zukunft unhaltbare Illusion nachgewiesen. Der politische Zionismus .müsse daraus erneut die Anregung entnehmen, sieh prinzipiell atheistisch zu begründen. Die Auseinandersetzung zwischen dem politischen Zionismus und seinen radikalen Gegnern könne nur als Kampf zwischen Glauben und Unglauben geführt werden. Strauß verlangt im Zusammenhang damit einen völligen Bruch mit der Tradition, lehnt auch entschieden den Kulturziorüsmus ab, der mit der ethischen Kultur die jüdische Religion als Erzeugnis des jüdischen Volksgeistes begreift. Die prophetische Eihlk gebe sich als Offenbarungsethik und bilde nach der Leugnung Gottes nur eine „dürftige Abstraktion" (!), der, das ist ja wohl die Meinung, der Atheist sich in keiner Weise verpflichtet fühlen könne. Daß der politische Zionismus fortan grundsätzlich und allererst atheistisch begründet werden und daß unter dieser Begründung für ihn gekämpft werden solle, diese Forderung wird wohl allen etwas sehr merkwürdig und mehr als bedenklich erscheinen. Oder sollte das, was Strauß fordert, wirklich politischer Zionismus sein? Wir alle haben immer gedacht, der politische Zionismus wolle nur das politische Organ der national-jüdischen Bewegung sein, die alle Juden für den Neuaufbau unseres Volkes sammeln wolle, Orthodoxe und Liberale, Religiöse und Religionslose, also unterschiedslos, wenn sie nur von ehrlichem nationa- 1 e n Willen erfüllt sind und am Aufbau Palästinas mithelfen wollen. Bei atheistischer Begründung dürfte der politische Zionismus, wie jeder auf den ersten Blick erkennt, mit seiner Propaganda, gelinde gesagt, wenig Glück haben, zumal bei einem Volke, das durch die Jahrtausende ein ganz besonderes Verhältnis zur Religion gehabt hat und trotz des religiösen Verfalls seit den Zeiten der Aufklärung in seinem bei weitem größten Teil noch immer hat. Wollte der Zionismus Strauß' Vorschlag folgen, so wäre das so ungefähr der beste Weg, die ganze Bewegung in sich zusammenbrechen zu lassen und zum sicheren Scheitern zu bringen. Schon als Smolenskin, der Vater der national-jüdischen Volksbewegung, den nationalen Charakter des Judentums dem religiösen gegenüber nur in den Vordergrund rückte, mußte er den schärfsten Widerspruch der orthodoxen Kreise erfahren, obwohl es ihm doch ganz fern lag. sich in religiöse Fragen zu mischen.. Noch heure wird der Zionismus von Orthodoxen aus dem gleichen Grunde entschieden abgelehnt und stark angefeindet, obwohl er doch immer wieder wahrheitsgemäß betont, daß die von ihm notwendig eingenommene Stellung keinerlei Gegensatz zur Religion involviere, daß er vielmehr nur alle Juden auf dem ihnen allen gemeinsamen nationalen Boden für die gemeir-^me Aufgabe sammeln wolle. Auch von liberal-religiöser Seite wird ihm die gleiche Vorhaltung gemacht, und selbst solche Liberale, die dem Zionismus durchaus Verständnis entgegenbringen und seine Bedeutsamkeit nicht verkennen, vermögen sich oft damit nur schwer abzufinden, daß das Religiöse vom Zionismus nicht grundsätzlich als konstitutives Element des Judentums bezeichnet werde. Wie ganz hoffnungslos würden da alle-Bemühungen des 9

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.