Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 5 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Man wollte unter Berücksichtigung der physischen Regenerationsmcrkmale eine körperliche Regeneration durchführen. Am klarsten ersieht man dieses Bestreben aus den Werbeschriften und Aufsätzen, die zu jener Zeit in <jCr jüdischen Presse erschienen. Man zog Kranken- und Militärstatistiken heran und stellte an den für die Juden ungünstigen Ziffern die Degeneration fest. Als Heil- und Vorbeugungsmittel galt das Turnen, das in den bei den Staatsvölkern vorherrschenden Systemen kritiklos übernommen wurde. Auf physischem Gebiet herrschte also ein gewisser Formalismus und Schematismus. Die Erkenntnis, daß die Erscheinungen des jüdischen Lebens nicht nur Symptome von anormalen Zuständen, sondern von spezifischer jüdischer Wesensart seien, existierte noch nicht. Der ausschlaggebenden Wirkung des Psychischen auf das Physische war man sich noch nicht bewußt. Um so stärker beschäftigte man sich mit der Durchdringung der rein theoretischen Probleme. Die Abende des Vereins waren ausgefüllt mit ernsthaften Diskussionen. Einerseits war es das Für und Wider der zionistischen Gedanken, andererseits die Zweckmäßigkeitserwägungen, die aus ihm resultierten. Dazu bedurfte man des historischen Beweises. Geschichtskurse und Literaturabende waren neben den Turnübungen das ständige Programm des Vereins. Bald wurden auch die Beziehungen zu auswärtigen jüdischen Turnvereinen aufgenommen und die jüdische Turnerschaft gegründet, die sich über fast alle europäischen Länder, die Türkei und Aegypten erstreckte und ein eigenes Organ „Die jüdische Turnzeitung" herausgab. Etwa um 1913 begann die innere Wandlung, durch äußere Einflüsse veranlaßt. Der Gedanke, Leibesübungen vornehmlich im Freien zu betreiben und die Leistungen nicht mehr nach Punkten, sondern im Wettkampf zu bewerten, der sich in der ganzen Sportwelt energisch durchsetzte, brachte unsere junge Bewegung in starke Berührung mit den Sportlern der anderen Völker und führte durch die sinnfällig zutage tretenden Wesensunterscniede zu einer auf das jüdische Wesen gerichteten Selbstbesinnung. Wir lernten, uns nicht mehr nach den anderen, sondern nach uns zu bewerten. Der Krieg unterbrach diese Entwicklung, brachte aber zugleich durch die Balfour- Deklaration und San Remo einen so großen Fortschritt in der jüdischen Geschichte, daß auch die jüdische Turnerschaft vor neuen größeren Aufgaben stand. Im August 1921 tagte anläßlich des Zionistenkongresses in Karlsbad der erste Nachkriegsturntag, der die durch den Krieg zerfallene Jüdische Turnerschaft als Makkabi-Weltverband neu organisierte. Es war die klare Entscheidung zum praktischen Zionismus. Der Aufbau von Erez-Israel, die Verpflichtung zur praktischen Teilnahme an ihm in irgendeiner Gestalt wurde den Mitgliedern selbstverständlich. Auf seinem Spezialgebiet, den Leibesübungen, erkannte der Verband seine moderne Aufgabe: Mittel zum Zweck, Erziehung. Das letzte Moment trat in den Vordergrund; Erziehungsgemeinschaft und Erziehungsorganisation will die Makkabibewegung sein. Gegenüber der früher betriebenen Verstandesökonomie will die Willensschule sein und ihren Mitgliedern Erlebnisgehalte vermittein, die sie aus ihrem nichtjüdischen Milieu nicht schöpfen können. Es ist der Weg einer Vergeistigung der physischen Erziehung mit dem Ziele einer harmonischen Ausbildung von Körper und Geist. 28