Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 5 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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könnte. Und sie hat, wie die Jugend aller U e b e r g a n < v;S . epochen, noch keine Zukunftsideale, zu denen siv: streben könnte. Denn die verschiedenen — meist als irgendein Ismus firmierenden - - idealistischen oder doch idealistisch sich gebenden Bewegungen unserer Zeit stecken alle, ob sie nun Pazifismus oder Paneuropäismus, Neoromanllk oder Neoliberalismus, Imperialismus oder Marxismus oder sonstwie heilkn, viel zu tief in der Vergangenheit, sind viel zu sehr dem Ewig-Gestrig«.-;} verhaftet, als daß sie einer Jugend, für die der Zusammenbruch des Gestern stärkstes Kindheitserlebnis war, letzte Wahrheit sein könnten. Von allen Ismen ist, scheint mir, nur einer der objektiven geschichtlichen Situation und deren subjektiver Wahrnehmung durch die heutige Jugend adäquat: der Aktivismus. Und dieser ist eine formale Idee, nicht eine inhaltliche: das voluntaristische Tun als Maxime der persönlichen Lebensgestaltung. Tun? Was? Zu welchem Zweck? Die junge Generation weiß heute darauf keine Antwort. Deshalb verzichtet sie, diese Frage jetzt zu stellen, und bejaht ihr Leben dennoch. Sie strebt nicht verkrampft nach einer Sinngebung ihres Daseins, die sie heute doch nun einmal nicht. finden kann. Denn sie hat keine Angst vor dem Bekenntnis ihrer weltanschaulichen Unzulänglichkeit. Sie fürchtet nicht den Tadel, feig und unentschieden zu sein, sie lacht über den Vorwurf, einem gedanken- und ideallosen Positivismus zu huldigen, sie spottet der Unterstellung, ein primitives Genußleben zu führen. Sie denkt zu klar, um nicht hinter dieser Kritik die Angst der Kritiker zu erkennen, die Angst, nicht mehr aktuell, nicht mehr wichtig, die Angst, überlebt zu sein. Aber diese Generation glaubt optimistisch an sich selbst und an die Zukunft. Sie glaubt, daß sie durch ihre Aktivität, durch ihre reale, positive Arbeit im Alltag des Lebens die Dinge und die Menschen um sich her eines — vielleicht gar nicht so fernen — Tages so weit gebracht haben wird, daß es möglich ist, dem Leben einen neuen Sinn und neue Normen zu geben. So, scheint mir, sieht die europäische, zumal die jüdische Jugend von 1928 aus. IV. Es ist gewiß, daß dieser Jugend gegenüber der Zionismus als Idee und als Erziehungsaufgabe vor einer Situation steht, die noch nicht da war und für die es in der kurzen Geschichte der zionistischen Bewegunig kein Paradigma gibt. Zionismus als Idee bedeutet dieser Generation, die allen überkommenen Ideen skeptisch gegenübersteht, wenig. Damit ist weder über den Wert der zionistischen Idee, noch über den Wert dieser Generation ein Urteil gefällt. Es ist lediglich festgestellt, daß Zionismus als intellektuell begreifbare Erkenntnis und als gefühlsmäßig empfindbares Erlebnis für die heutige Generation im gegenwärtigen Entwicklungsstadium wenig attraktive Kraft hat. Dennoch ist diese Jugend nicht vergreist, blasiert, begeisterungsunfähig. Sie ist nur sehr sachlich. 8