Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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Nationen bestand. Der Begriff Staat ist für diesen Gedanken zufällig, und er wird jetzt in einer schon fast humoristischen Form von Stricker überbetont, der jetzt den Gedanken des „siebenten Dominions" abgelehnt hat, wegen der Einschränkung des Staatsbegriffs, die damit verbunden sei. Ich glaube aber, daß auch zahlreiche Revisionisten damit einverstanden sein würden, wenn wir heute einen Status erhalten würden, wie den von Australien oder Kanada. Die Ueberschätzung des Staatsbegriffes beruht auf dem Irrtum, daß Staat und Nation notwendig miteinander verbunden seien. Das ist nicht der Fall. Der Staat hat früher einen 'anderen Inhalt gehabt und es sieht so aus, als ob auch heute die Vefribindung <$es Staatsgedankens mit dem Gedanken der Nation wieder weniger notwendig als es eine Zeitlang scheinen konnte. In der Wissenschaft werden auch heute dem Staate andere Möglichkeiten als Existenzgrundlage zugeschrieben. Diese Erkenntnis, daß der Staat nicht die notwendige Lebensform der Nation sein muß, hat aber nichts mit der anderen Frage zu «tun, daß die Judenfrage politisch gelöst werden muß. Politische Lösung bedeutet, daß die Nation das Recht der Selbstbestimmung erhält. Das ist nicht möglich, wenn nicht die Nation Macht erhält. Macht braucht keineswegs auf Gewehren zu beruhen, sie kann auch auf Ueberzeugung beruhen und auf neuen Möglichkeiten der menschlichen Organisation, die aus gewissen Ueberzeugungen hervorgehen können. Diese neuen Organisationsformen werden wir suchen müssen, und darin liegt die Besonderheit unserer Politik. Wenn wir diese Besonderheit verstehen, so werden wir erkennen, daß uns Grenzen für unsere politischen Ziele nicht nur von außen gesetzt werden. Man könnte sich vorstellen, daß die Großmächte sich entschließen, uns den vollen Judenstaat zu geben, mit all den Folgerungen, die daraus ''etwa entstehen werden und die manchmal auch von Zionisten gezogen worden sind, wie die physische Verdrängung der Araber. Eine solche theoretische Möglichkeit ergibt sofort die Frage, ob wir solche letzten Ziele wirklich verlangen würden, auch wenn es für uns möglich wäre, sie zu ierreichen. Ich glaube nicht, denn wir haben nicht nur die Grenzen von außen, 'sondern die Grenzen von innen, die sich aus dem Charakter unserer Politik ergeben. Unsere Politik beruht nicht nur auf Machtstreben, sondern sie beruht auf dem Streben nach Gerechtigkeit. Die Forderung nach Gerechtigkeit ist die erste und tiefste Begründung des Zionismus. Gerechtigkeit aber kann man nicht nur für sich selbst üben, sondern sie zeigt sich gerade^jdarin, daß man sie auch andern gegenüber übt. Und deswegen ist z. B. eine Auffassung, deren letzte Konsequenz etwa in der kriegerischen Verdrängung der Araber besteht] mit dem Wesen unserer Politik nicht zu vereinbaren. Wir werden nur leben können von einer Politik, die dem Gedanken der Gerechtigkeit Rechnung trägt. Aber auch diese Politik ist noch Politik. Sie ist nicht Selbstaufgabe, sondern sie stellt uns das Ziel der Erringung von Macht. Die konkrete Forderung heißt zwar nicht Judenstaat, aber Möglichkeit der territorialen Konzenträtion und Selbstbestimmung. Auch mit diesen Forderungen wer- -den wir durchaus in den Bereich der Politik eingereiht, und deswegen 40