Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Dazu ist freilich ein groß gedachtes Ziel nötig. Wir wollen die Wirklichkeit lebendiger Tat, wie wir ja überhaupt nur in der Anteilnahme am Wirklichen und Lebendigen die entscheidende seelische Wandlung der Juden erblicken. Darum würde der Zionismus sich selbst vernichten, er würde sinnlos werden, wenn in ihm selbst Palästina zu einem .Symbol gemacht würde, eine Gefahr, die wir heute im Zionismus auftauchen sehen. Es könnte geschehen, daß der Zionismus auf dem Wege über einen falsch verstandenen Achad Haamismus zu einer Parallelerscheinung des jüdischen Liberalismus wird, zu einer Lehre und nicht zur Tfatl per Freiheitsgedanke darf nicht leere Form sein, er muß Jnhalt haben. E& braucht nicht ein völlig unabhängiger Staat zu sein, den wir erstreben, aber es muß der „Judenstaat" sein, wie wir ihn verstehen. Wir wollen mehrere Millionen Juden in geschlossener Siedlung in Palästina haben, sonst kann der Zionismus keine Bedeutung für die Masse unseres Volkes gewinnen und er kann auch den modernen Westjuden nicht interessieren, dem nur eine große kolonisatorische Leistung als Ausdruck seines jüdischen Wollens in der Gegenwart Genüge tun kann. Palästina mujß in Wahrheit ein befreites Volk umfassen, wenn es uns die Idee der Befreiung darstellen soll. An diese Wahrheit ist heute mit ernstem Nachdruck zu qrinnern, da eine gewisse Gefahr besteht, daß der europäische und amerikanische Zionismus auf der Linie des geringsten Widerstandes zu einem ethisch-rethorischen Wohltätigkeits-Zionismus entartet. Ein letztes Wort ist noch zu sagen über jene Zeitströmungen, die einen Teil 'unserer Jugend für sich gewonnen haben, und damit dem Zionismus Abbruch tun. Gewisse Ideen, von denen man befürchtet, daß sie dem Zionismus Anhänger nehmen könnten, wie z. B. die Idee Paneuropa oder die vielbesprochene Amerikanisierung, stehen in Wahrheit garnicht im Gegensatz zum Zionismus. Paneuropa ist eine politische Zweckmäßigkeitsidee, die den Bestand der Nationen zur Voraussetzung hat und wesentlich durch die europäischen Verhältnisse hervorgerufen ist. Man kann die paneuropäische Idee voll bejahen und dabei Zionist sein. Ebenso berührt die sogenannte Amerikanisierung, die Entwicklung von Technik und Verkehr unsere Stellung zur Judenfrage nicht. Aeußerlich betrachtet erleichtert diese Entwicklung wohl die Assimilation, braucht aber unsere Jugend nicht zu hindern, das Wesen der Judenfrage zu begreifen. Ebenso ist die Idee des Pazifismus absolut vereinbar mit dem Zionismus, ja sie ergänzt ihn, da ja der Pazifismus ein Gleichgewicht der Nationen, wirkliche Verständigung und gerechte Würdigung aller nationalen Interessen verlangen muß. Auch der Pazifismus hat im heutigen Europa praktische Ziele, nämlich die Einigung und Befriedung der europäischen Staatenwelt. Wir können diese Ideen sicherlich nur gut heißen und wenden uns höchstens innerhalb des Zionismus gegen jene Art von Pazifismus, welcher die politischen Probleme, denen wir in Palästina begegnen, durch pazifistische Reden aus der Welt schaffen möchte. Wir bejahen den Pazifismus als eine Idee, und als eine für Europa absolut nötige Forderung, nur wollen wir nicht, daß oberflächliche zionistische Politiker den Pazifismus als Wandschirm benutzen, um dahinter die 30