Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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schneller der Auflösung verfallen, eben weil das Ghetto aufgehört hat und die Idee der jüdischen Erneuerung heute nur im Zionismus lebt, Aehnliches gilt für den Westen. Der Sturz der drei Kaiserliche hat die Stellung der Juden im Staat geändert. Der Antisemitismus wirkt fort, aber der jüdische Staatsbürger ist dennoch freier als früher, die Assimilation ergibt sich ihm leichter, und das vom Centraiverein gepredigte Selbstbewußtsein ist zu einer billigen Ware geworden, da es unsere Umwelt kaum noch inieressiert. Wir haben zwar stets mit Recht bestritten, daß Zionismus eine Flucht vor dem Antisemitismus sei, doch wiesen wir früher dem Antisemitismus gewissermaßen die Rolle einer Xaturkraft zu. Das hat sich heute geändert. Das ständige Bewußtsei ndes Juden, von Antisemitismus umgeben zu sein, hat sich abgeschwächt, weil die Formen des Antisemitismus sich doch etwas gewandelt haben, und vor allem weil der frühere offizielle Staatsantisemitismus wenn nicht verschwunden, so doch viel undeutlicher geworden ist. Auch haben infolge der Erfahrungen des Krieges nationale Fragen als solche an Bedeutung verloren. Der moderne Verkehr sprengt die Grenzen und läßt die zahlreichen kleinen Nationalismen Europas mehr und mehr als Lächerlichkeit erscheinen. Daher müssen wir uns immer wieder die Frage vorlegen, wie wir hier im Westen unseren Nationalismus begründen. Ich habe ausgeführt, welches die bleibenden Grundlagen des Zionismus sind, doch müssen wir jene Aendt-rungen im Dasein unserer Zeit berücksichtigen. Was wir erstreben, ist kein äußerlicher Nationalismus und keine Staatsspielerei. Palästina ist für große Massen des jüdischen Volkes eine materielle und seelische Lebensnotwendigkeit, und es ist für uns Westji.den der Ausdruck freien Schaffens der autonomen jüdischen Persönlichkdl, die das ihr Gemäße und absolut Eigene vollbringen will. Wir westlichen Juden, die größtenteils die Bindungen der Tradition und Religion nicht mehr kennen, fühlen uns dennoch als Träger einer jüdischen Erbmasse. Das ist das Blut, von dem Martin Buber in seinen Reden über das Judentum spricht. Diese unsere Besonderheit, die wir fühlen und im Verkehr mit den Völkern der Welt immer aufs neue empfinden — eine Besonderheit, die aus Blut, geschichtlicher Erinnerung, aus Geist und Nerven stammt, wollen wir durch einen Akt persönlicher Selbstbestimmung mit dem Schicksal der Massen unseres Volkes zu einer besonderen und, wie wir glauben, bedeutungsvollen schöpferischen Tat vereinigen. Wir wollen nicht, daß diese Besonderheit, die auch von andern erkannt oder gefühlt wird, ins zufällig Spielerische entartet, um sich schließlich durch die Assimilation im Nichts zu verlieren. Es gibt keinen absoluten Beweis dafür, daß man Zionist sein muß. Es gibt nur einen Appell an dieses jüdische Gefühl, an dieses jüdische Bewußtsein, und der Schwerpunkt der Werbung muß heute darin bestehen, den Juden im Osten wie im 'Westen die Schönheit und Größe eines lebendigen Tuns vor Augen zu führen, das zugleich für Hunderttausende Erlösung von Not und Leid und die Erfüllung der Träume und Strebungen bedeuten soll, die wir als unser Blut, als unser Erbe in uns fühlen. 29