Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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onistische Hoffnung und die neue Moral des Zionismus eine Kräftigung erfährt. Auch die Grundlage des westlichen Zionismus ist im wesentlichen dieselbe geblieben. Was Nordau in seinen Reden über die „moralische Judennot" sagte, oder was wir als das jüdische Persönlichkeitsproblem bezeichnen, besteht noch immer fort. Der Antisemitismus in seinen sich wandelnden Erscheinungsformen und die Reaktion der Juden auf den Antisemitismus durch Verleugnung ihrer Art haben sich in nichts geändert. Jene von uns aufgezeigten Charakterschäden, die der nichtzionistische Jude unter dem Druck des Antisemitismus und im Streben nach Anpassung an seine Umwelt erfahren muß, sehen wir noch heute täglich um uns: die Unausgeglichenheit, das ständige Schwanken zwischen über* großer Empfindlichkeit und einer robusten Dickfelligkeit, zwischen Anmaßung und Kriecherei, zwischen maßlosem Geltungstrieb und feigem Sichverbergen. Diese Welt besteht und hat sich nicht geändert, trotz der gegenteiligen Behauptung des Centraivereins, welcher auf seine Weise die Juden selbstbewußt und mutig machen wollte, jedoch damit zu den alten Uebeln noch neue hinzugefügt hat. Der Aufstand des Zionismus gegen diese Welt der Unmoral ist noch immer aktuell. Hätte der Zionismus kein anderes Verdienst, so würde ihm doch das eine bleiben: im westlichen Judentum den Typus des aufrechten Juden geschaffen zu haben. Dieser Typus konnte nicht durch das Zentralvereins und K.C.¬ Ideal der Nachahmung anderer entstehen. („Was die Gojim können, können wir auch"). Und auch nicht durch Predigen über das Thema „Selbstbewußtsein und gutes Verhalten" — ein Thema, das die Centralvereinler auch gut beherrschen — sondern die innere Umformung des jüdischen Menschen konnte nur entstehen, indem man von einem papiernen Meinungsstreit und einer papierenen Lehre überging zur jüdischen Tat. Der Zionismus hat die Juden gelehrt, ihre Stellung innerhalb der umgebenden Völker richtig zu erkennen und richtig zu werten. Aber dies allein ist nicht entscheidend. Von der Erkenntnis und Lehre können schwache Naturen sich wieder abwenden. Entscheidend ist der Entschluß des zionistischen Menschen, handelnde jüdische Persönlichkeit zu werden, was sich nach außen hin in der Aufstellung autonomer jüdischer Ziele ausdrückt. Die moralische Bedeutung des Judenstaatsgedankens besteht darin, daß der Jude, der sich zu diesem Ziel bekennt, damit für sich die vollständige Autonomie der handelnden Persönlichkeit erkämpft hat. In dieser Zielsetzung drückte sich das absolute Freiheitsgefühl des neuen Juden aus. Gewiß hatten wir schon zu Herzls und Achad Haams Zeiten erkannt, daß nicht alle Zionisten nach Palästina gehen können. Doch irrer* diejenigen, die nur wegen dieser ihnen heute neu aufgegangenen Erkenntnis eine Art von Golus-Zionismus predigen, die den Palästina-Zionismus durch einen kulturell oder politisch gefärbten Diaspora-Zionismus ersetzen wollen. Das Problem ist alt und die heutige Generation soll wissen, daß wir uns schon vor zwanzig Jahren mit den gleichen Flragen zu beschäftigen hatten. Damals standen wir politisch vor einer Mauer und wußten kaum, wann und wie wir die praktische Arbeit in 26