Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 1 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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sen haben, sich ohne Zögern mit der nun entstandenen Situation abfanden, und mit einer gewissen Vernunft daran gingen, eine existenzfähige freiheitliche Studentenschaft auszubauen. Wenn es auch nicht überall gelungen ist, demokratisch und sozialistisch gesinnte Studenten unter einem Namen zusammenzufassen, so scheint hier heute doch ein gemeinsames Vorgehen bei allen wesentlichen Fragen gesichert. Auf der Rechten dagegen hat man bis auf ganz wenige Ausnahmen zunächst demagogischerweise ver* sucht, die Liquidation der bisherigen staatlich anerkannten Studentenschaft zu inhibieren, indem man es unternahm, sich zum Rechtsnachfolger der aufgelösten Studentenschaften zu erklären. Man hat aber damit wenig Glück gehabt und so den freiheitlichen Studentenschaften gegenüber viel Zeit verloren. Man kann beobachten, daß bei den freiheitlichen Studentenschaften diejenigen, die auch schon in der staatlichen Studentenschaft die Führung innerhalb ihrer Gruppen hatten, ihren Einfluß erhalten haben, sodaß eine vernünftige, auf Erfahrung basierende Politik zu erwarten ist, während bei der Rechten unerfahrene und radikale Elemente die Oberhand gewonnen haben. Eine wichtige Meinungsverschiedenheit ist heute bei der Linken deutlich: die einen wollen möglichst schnell die studentische Selbstverwaltung wieder herbeiführen, um so den Studenten gegenüber als Glückbringer auftreten zu können; die andern halten es für richtiger, zunächst ohne jede staatliche Anerkennung unter den Studierenden für den heutigen Staat zu werben, bis die Möglichkeit einer Majorität der nichtnationallistischen Studeniien gegeben erschein^'. Diese Gruppe will bei aller Betonung der demokratischen Idee nicht noch einmal selbst Opfer dieser Idee werden. Als Kuriosum ist noch zu verzeichnen, daß die kommunistischen Studenten sich vielfach gemeinsam mit den nationalistischen Gruppen um die Gründung einer Studentenschaft bemühen. Daneben gehen auf der Linken Bestrebungen, die freiheitlichen Studierenden nicht nur der einzelnen Hochschulen, sondern aller Hochschulen des Reiches und Deutschösterreichs zusammenzuschließen. Das Ergebnis einer im Februar in Berlin erfolgten Besprechung studentischer Vertreter aus dem ganzen Reich war die Gründung eines Studentenverbandes für Deutschland und Oesterreich, der alle demokratischen und sozialistischen Studenten umfaßt. Dieser Studentenverband wird zweifellos in Zukunft die Möglichkeit haben und ausnutzen, für die republikanischen Studierenden Deutschlands und Oesterreichs in der Oeffentlichkeit seine Stimme zu erheben, und wird so ein wichtiges Instrument gegen alle nationalistischen Uebergriffe an den Hochschulen — vielleicht auch außerhalb Deutschlands — werden. Die „Vereinigte jüdische Gruppe", in der an den meisten Universitäten die positiv jüdisch eingestellten Studenten zusammengefaßt sind, hat sich bisher bei allen diesen Entscheidungen eine gewisse Zurückhaltung auferlegt, weil sie abwarten mußte, in wieweit ein Gegensatz zwischen sozialistischen und anderen freiheitlichen Studenten entstehen würde. Sie mußte vermeiden, zwischen diese beiden etwa entstehenden Gruppen zu geraten. Nachdem nun aber die Situation, wie ausgeführt, geklärt ist, wird man dafür Sorge tragen müssen, der „Vereinigten jüdischen Gruppe" den notwendigen Einfluß zu sichern, und zwar in der Rcichsorganisation 35