Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 1 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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nun, daß in verschiedenen Kreisen des Kartells die Sehnsucht herrscht, selbst einmal Student zu sein mit Mütze und Wichs und zu kneipen und zu schlagen. Es ist das, wie gesagt, eine Geschmacksfrage, und es sind nicht wenige Bundesbrüder und ganz gewiß nicht die schlechtesten, die sich von solchen Verirrungen mit Widerwillen zurückziehen. Sollten sich diese Bestrebungen aber trotzdem durchsetzen, so sind sie geradezu gefährlich, wenn vorher nicht nur für das ach so billige Regulativ der „Stärke des zionistischen Gedankens, sondern für zionistische Tat auf allen Gebieten gesorgt wird. Sonst gehen wir den Weg des B.Z.K. V Ich möchte zusammenfassen: Die ganze Frage der Formen ist klein im Verhältnis zu der wichtigeren Frage, für den Zionismus des Kartells zu sorgen. Eine Lösung kann nur aus der Stellung zum Zionismus entstehen. Jedenfalls ist die Frage in den vorgelegten Formulierungen nicht geeignet, den Karteiltag zu beschäftigen. Ihre Behandlung würde uns nur über die wirklich vorhandenen Schwierigkeiten hinwegtäuschen. Zur Formenfrage Von Kurt Voss, (V.J.St. Hatikwah, Köln, a.B.) Eine klare Entscheidung in der durch Hans Capell aufgeworfenen Frage der studentischen Formen tut not. Das Kartell darf nicht mehr in der bisherigen Gleichgültigkeit gegenüber Formenfragen verharren; denn hinter diesen steckt mehr als bloß die äußere Lebensform und Lebenshaltung. Die Formen geben ein Spiegelbild der Gesinnung und der geistigen Haltung eines Menschen wieder. Wir glauben aber, daß der von Hans Capell, wenn nicht ausdrücklich, so doch zwischen den Zeilen deutlich bemerkbare Vorschlag zur korporativen Form und die Auffassung, daß eine Verbindung studentische Formen im Sinne der nichtjüdischen Korporationen annehmen müsse, verkehrt ist Sollte Hans Capell in seinen Vorschlägen nicht so weit gehen, (ich hoffe, daß das der Fall ist) so hätte ich die angenehme Enttäuschung, mich geirrt zu haben. Ich halte ein Anknüpfen an die Vorkriegstradition im K.J.V. nicht für richtig. Ich bin der Meinung, daß wir aus den Erfahrungen des Weltkrieges und der Nachkriegsjahre ebenfalls etwas gelernt haben oder noch lernen sollten: Das Vorrecht der Studenten, schon durch die Tatsache des Eintritts in eine Korporation als etwas besonderes zu gelten, und die Absicht, dieses Vorrecht durch äußere Abzeichen dokumentieren zu müssen, haben keine innere Berechtigung mehr. Jedes Verhalten, das gegenüber anderen Ständen und Klassen eine unterscheidende Geste zeigt, ist antisozial. Das ist eine der Grundvoraussetzungen, die wir bei der Untersuchung dieses Problems machen. Es soll noch angemerkt sein, daß auch der Geist der Burschenschaft des 19. Jahrhunderts längst nicht mehr dem Wesen der Korporationsstudenten immanent ist und daß wir es heute mit viel weiteren Zielsetzungen zu tun haben als die Burschenschaftsbewegung, die für Demokratie bezw. Republik eintrat. 32